Posts Tagged ‘Ruhrpott’

Wer zu spät geht…

13. Februar 2012

Am vergangenen Wochenende haben wir Abschied von zwei tragischen Figuren nehmen müssen: Adolf Sauerland und Whitney Houston. Beiden wäre eine würdevoller Abgang möglich gewesen. Aber sie hatten ihre Chance verpasst.

Menschen neigen dazu, zu lange an Vergangenem festzuhalten, an den guten alten Zeiten, den idealisierten Erinnerungen. Bisweilen klammern sie sich krampfhaft fest an dem schon Verlorenen. Gerade Macht und Ruhm laden zu solchem Verhalten ein. Umso schlimmer wird letztlich der unweigerliche Abschied von dem Erhalten-geglaubten. Gaddafi, Ben Ali und Hussein können davon ein Lied singen, auf anders geartete aber irgendwie ähnliche Weise auch ungefähr alle Teilnehmer des Dschungelcamps. Aus Macht und Ruhm wird Würdelosigkeit. Sich rechtzeitig zurückziehen ist etwas, was nur wenigen Menschen in hohen Positionen glückt, aber allen zu empfehlen ist.

Am Wochenende haben sich zwei weitere tragische Personen ins Ensemble der Gescheiterten eingeschrieben: Whitney Houston und Adolf Sauerland. Houston hat man leblos in ihrem Hotelzimmer in Beverly Hills gefunden, wo sie den Grammys beiwohnen wollte, Sauerland hat man kaum antreffen können, dafür aber seinen Namen auf 129 000 Stimmzetteln, die seine Abwahl als Duisburgs Oberbürgermeister besiegelt haben. So plötzlich beide gescheitert sind, so lange war beider Absturz abzusehen.

Houston war der Pop- und Soulstar der 1980er und 90er. Aber seitdem ihre Songs an Massenkompatibilität verloren hatten, tauchte sie vorwiegend ihrer Ehe und ihrer Eskapaden wegen in den Schlagzeilen auf. Sie hat sich gerne betrunken und von ihrem Mann Bobby Brown verprügeln lassen und konnte das zum Schluss besser als singen. Sicher tun sich Parallelen zu den Stars unserer Zeit auf, siehe Rihanna was prügeln und Amy Winehouse was trinken angeht. Aber das allein kann den Ruhm nicht bewahren. Whitney war mit ihren 48 Jahren an sich nicht alt. Sie hätte noch lange leben können. Das macht die Sache traurig. Andererseits war sie zu alt, als dass sie jetzt noch zur Legende à la Club 27 hätte aufsteigen können. Whitney bewegte sich mehr auf David-Hasselhof-Niveau und konnte eher mitleidig belächelt als aufrichtig bewundert werden. Passend dazu wurde sie gerade angeworben in der US-Castingshow X-Factor Jurorin zu sein. Ein letztes Aufbäumen, dass den medialen Tod eher bestätigt als verhindert.

Sauerlands Absturz war weniger langwierig, wenn auch nicht weniger qualvoll und beschämend. Nach der Duisburger Love Parade 2010 bei der 21 Menschen gestorben waren, weigerte sich Sauerland, politische Verantwortung zu übernehmen und gegebenenfalls auch Konsequenzen zu tragen. Er hat eine mögliche Schuld der Stadt ausgeschlossen und diese an den Veranstalter, den McFit-Besitzer Rainer Schaller, weitergereicht, sogar ein Gutachten dazu in Auftrag gegeben und ist den Trauerveranstaltungen fern geblieben. Jetzt haben ihn 129 000 Duisburger Wahlberechtigte des Amtes enthoben. 92 000 Stimmen wären nötig gewesen. Aber Sauerland hatte nicht damit gerechnet, dass diese überhaupt  zusammenkommen würden.

Sauerland ist der einzige CDU-Mann im Bürgermeisteramt einer Stadt im Pott gewesen. Seine Wahl war damals eine Überraschung. Sein Verhalten nach der Loveparade nicht wirklich. Jedenfalls wenn man sich die Öffentlichkeitsarbeit anderer CDU/CSU-Männer in schwierigen Situationen der vergangenen Jahre anguckt. Guttenberg und Wulff agier(t)en ähnlich ungeschickt wie Sauerland. Dabei hatte Wulff nach der Love Parade in einem Interview mit der Bild am Sonntag indirekt Sauerlands Rücktritt gefordert – es gebe einen Unterschied zwischen persönlicher Schuld und politischer Verantwortung, sagte Wulff damals – und weiß diese Worte selbst in die Tat umzusetzen.

Eine Beileidsbekundung und ein schneller Rücktritt hätten Sauerlands öffentlichem Bild mehr genützt. In der Retrospektive wird er nicht gut wegkommen. Ähnlich wie Houston. Lieber ein makelloses Bild langsam verblassen lassen, als es immer wieder mit Schandflecken aufzufrischen. Denn wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

Ein Prinz auf Carl

18. April 2011

„Früher war alles besser.“ Nach diesem Motto scheint das Essener Publikum den Berliner Rapper Prinz Pi erwartet zu haben. In der Zeche Carl in Altenessen hat das vorwiegend männliche und jugendliche Publikum am vergangenen Freitag den Prinzen mit „Porno, Porno“-Sprechchören herbeigerufen – denn Prinz Pi hieß früher Prinz Porno. Mittlerweile hat sich aber nicht nur der Name geändert.

Pi kam mit Seitenscheitel und halblangen Haaren, mit Nerdbrille, Sakko und Hemd auf die Bühne. Er ist erwachsen geworden. Sein neues Album „Rebell ohne Grund“, das er auf Tour de Prince live präsentierte, zeugt ebenso wie sein Outfit davon. Es dreht sich thematisch neben der bei Pi üblichen Sozialkritik vorwiegend um Beziehungen. Und so begann auch die Show mit Liedern über Frauen und die Liebe. Nach Bässen, die an Helikopter-Rotoren erinnerten, startete Pi den Auftritt mit der aktuellen Single: dem hymnischen „Du bist“, das seine etwa 400 anwesenden Fans schon auswendig können und lautstark mitrappten. Klassiker aus dem Repertoire von Pi bestimmten die erste Hälfte der Show: Titel wie Würfel, Trümmer und Keine Liebe, die jeder Pi-Fan aus dem Effeff kennt, wechselten sich mit Stücken aus dem neuen Album ab.

Allein die wohlbekannten Lieder der unzähligen Alben des sozialkritischen Künstlers schienen dem Publikum Grund genug zu sein, aus voller Kehle mitzuschreien. Dass die Masse in der Halle Kaue der Zeche Carl sich dazu aufraffen konnte, durfte allerdings verwundern. Der Prinz wirkte auf der Bühne unmotiviert, seine Stimme monoton und gleichgültig. E-Rich, der als Unterstützer des Prinzen dabei war, wusste aber wie man Stimmungsflauten und Ruhepausen im Revier unterbindet: „Ruhr – pott, Ruhr – pott“ schrie er das Publikum an und dieses schrie zurück. Nötig war das kaum. Dankbar aufgenommen wurde es dennoch. Pottpatriotismus ist hier eben gern gesehen.

Die Fans waren begeistert. Jeder Song wurde mitgerappt und mit frenetischem Applaus gefeiert. Als Pi dann zum Mikrophonständer griff und die Balladen Laura und Ich gehe anstimmte, war der emotionale Höhepunkt der Show erreicht. Eine gerührte Stille lag in der Luft. Pi verabschiedete sich und forderte finalen Beifall für sich und seine Begleiter. Die Aufforderung, den Betreuern des Merchandise-Stands „hinten in der Halle“ Applaus zu geben wirkte allerdings etwas merkwürdig. Besagter Stand befand sich vorne im Nebenraum. Pi hatte die Halle anscheinend selbst vor dem Auftritt nicht betreten. Das Publikum, das sich geschlossen zum erwähnten Stand umdrehte, bekam nur Schulterzucken aus der letzten Reihe zu sehen. So sind Monarchen: Vom Volk entfremdet und ahnungslos, wie es „unten” aussieht. Mit diesem heimlichen Highlight ging Pi von der Bühne.

Aber nur um bald darauf wiederzukehren und aus einem normalen Konzert eine Party zu machen. Nach einer Stunde routiniertem und etwas unmotiviertem Rappen und klassischem HipHop-Sound war es Zeit für krachende Elektro-Beats. Pi präsentierte in der folgenden halben Stunde vor allem Songs aus dem 2008 erschienenen Album Neopunk, das stark vom Trend zu Elektrorap geprägt war. Spätestens jetzt zahlte sich die monotone und begeisterungslose Rapweise des Prinzen aus, denn wer laut und energetisch rappt, kann dabei schlecht springen. Aber Sprechen geht auch in Bewegung.

Den Zuschauern war es eh egal, wie des Prinzen Timbre war. Hauptsache der Monarch lies das Volk tanzen, springen und schreien. Songs wie Schädelficken und das finale Gib dem Affen Zucker haben genau das erfüllt. Nach eineinhalb Stunden beendete der Prinz seine Audienz auf Carl. Das Volk wurde gut unterhalten. Der Prinz hat seine Pflicht erfüllt. Und auch die Kür ging kaum darüber hinaus. Früher war alles besser. Auch die Liveshows von Prinz Pi.


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