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Mein Freund Ernst

18. November 2010

Erschienen in: Boxhorn – Das Magazin aus dem Fachbereich Gestaltung der FH Aachen, Nr. 23, Febr. 2011. www.boxhorn-magazin.de.  Mit Illustration von Anna Katharina Jansen.)

Im Moment fehlt mir die Zeit, irgend etwas zu tun, wonach mir ist. Ich habe ständig etwas zu tun, die Uni, der Master-Studiengang, vereinnahmt meine Tage. Der Ernst des Lebens hat begonnen, könnte man meinen. Dabei läuft der schon seit meinem ersten Schultag, wenn nicht früher. Wann setzt dieser berühmte Ernst ein? Jedesmal, wenn man etwas neues beginnt, dass einen scheinbar einen Schritt weiterbringt in der Hierarchie des Lebens, des Lebenslaufes vielmehr, heißt es, der Ernst des Lebens würde beginnen. Beim ersten Schultag, beim ersten Tag auf dem Gymnasium, beim ersten Tag in der Oberstufe, beim Lernen fürs Abi, bei der Musterung, beim Zivi, beim Bewerben für die Uni, beim Einschreiben, beim Praktikum zwischendurch, bei der Bachelor-Arbeit, beim Suchen nach einem Master-Platz, beim Master. Hier bin ich. Master-Student Eike Buuusch. Gefangen im Ernst des Lebens. Seit Anfang Oktober? Seit 19 Jahren?

Seit der ersten Klasse, vielleicht seit dem Kindergarten schlich sich Ernst immer mehr in mein Leben ein. Erst halbtags, von acht Uhr bis mittags, später dann immer mehr. Nachmittagsunterricht. Vor- und Nachbereitung. Hausaufgaben. Lernaufwand. In der Schule, bis zum Abi, hat sich das selten bis nie über drei Stunden nach Unterrichtsende hingezogen. Ab 14 Uhr war der Ernst vergessen. Beim Zivi war es dann zwischen 8 und 15 Uhr, manchmal länger. In der Uni unregelmäßig, vom Stundenplan her, aber andererseits auch konstant mehr als in der Schule. Bachelor war noch locker. Aber mehr war es trotzdem. Ernst eroberte, ohne dass ich es merkte immer mehr Freiräume in meinem Leben. Im Praktikum führte er mich dann in 9-5-Arbeitszeiten ein, wenn nicht darüber hinaus. Ernst hatte mich. Auch danach. Bachelor fertig, neues Praktikum, jetzt Master. No way out. Keiner kann Ernst entwischen.

Der Ernst des Lebens, nicht nur im Form meines Masters, ist der Gegner des Idealismus, der Freiheitsfeind, der Zerstörer von Hobbies und Leidenschaften. Der Ernst des Lebens ist der strukturierte Alltag, der nach und nach mehr Platz für sich beansprucht, nur um noch mehr Ernst des Lebens in selbiges zu lassen. Schule für Uni, Uni und Praktika für Job, Job für Leben. Leben für Ernst. Ernst für Leben. Ein Kreislauf der sich selbst bedingt aber sich auch selbst in Frage stellt. Muss das so?

Was bleibt, um nicht gegen Ernst zu verlieren, ist Ernst mit einzuschließen, lieb zu gewinnen. Mein Freund Ernst und ich haben heute keine Zeit für Spaß, für Bier, für Bücher, für Filme, für Mucke oder Sport. Nein. Ernst und ich widmen uns heute Pflichtterminen. Aber das feiern wir. Weil mit Ernst leben auch heißt, Ernst loswerden zu können. Jedenfalls bedingt. Wenn ich mich mit Ernst anfreunde, wird er auch irgendwann mal das Feld räumen. “Eike, für heute ist genug, ich komm morgen wieder”, sagt er irgendwann am Abend und zieht von dannen. Ernst klaut den Tag um den Abend zu schenken. Dass Ernst da ist, ist nicht das Problem, solange er zwischendurch wieder geht. Und dafür heißt es, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, seine Seele ein Stück weit zu verkaufen, im Bewusstsein, das Mitgehen Ernst erträglicher macht, als gegen ihn zu kämpfen. Körperlich auf den Knien, aber im Geiste aufrecht.

Ernst kommt so oder so, mit all den oben aufgezählten Ereignissen und lässt sich kaum vermeiden. Aber irgendwann hat Ernst genug. Darauf ist Verlass. Ernst kommt, Ernst geht. Er nervt und schränkt ein, er ist aufdringlich, penetrant, er stinkt. Aber wenn man ihn rein lässt, wird er auch irgendwann wieder gehen. Erst täglich. Eines Tages dann für immer. Bis dahin werden Ernst und ich noch viele Stunden zusammen verbringen, uns kennen lernen, lieben und hassen. Wenn wir uns ein Leben ohne einander fast nicht mehr vorstellen können, wird er gehen. Einfach so. Und ich werde im Sumpf der Ernstlosigkeit versinken. Triumphierend. Aufrecht. Recht behaltend. Vielleicht etwas unterfordert und gelangweilt. Dennoch: Wenige Abschiede werden so hoffnungsvoll erwartet.


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