Anti-Holden-Caulfield

27. Oktober 2011

Juli Zehs zweiter Roman handelt von Erpressung im Internat und erinnert damit stark an Robert Musil, nur bleiben ihre Figuren kalt und unnahbar – wie Ihre Sprache.

In „Spieltrieb“ erzählt Zeh die Geschichte von Ada, Alev und Smutek. Ada ist ein anfangs 14 Jahre altes Mädchen, dass aufgrund einer Schlägerei die Schule wechseln musste. Ein Jahr nach ihr kommt auch Alev auf die Ernst-Bloch-Schule in Bonn. Beide sind im Deutsch-Leistungskurs von Herrn Smutek. Smutek, ein gebürtiger Pole, ist ein „Jünger des Manns ohne Eigenschaften“. Ada wird als Mädchen ohne Eigenschaften charakterisiert. Und damit deutet sich das Drama schon an.

Juli Zeh, die 1974 in Bonn geboren wurde und sowohl Jura als auch Literatur studiert hat, legt mit „Spieltrieb“ nun den Nachfolger ihres expressionistischen Erstlings „Adler und Engel“ vor. Ähnlich wie ihr erster Roman wirkt auch ihr zweiter beinahe überladen mit Metaphern und Analogien. Zeh scheint im Leben und im Studium viel gelesen und gelernt zu haben, und das möchte sie dem Leser auch zeigen. Sei es über die erzählerischen Analogien oder über die Figuren.

Ada und Alev scheinen Zeh ähnlich zu sein. Sie sind mit Abstand die intelligentesten und belesensten Jugendlichen ihrer Stufe. Ada liest „wie man Stämme in ein Sägewerk schiebt. Weil sich von den dicken, harten Klötzen am längsten zehren ließ, mochte sie vor allem die Literatur des letzten Jahrhunderts“ – ebenso wie Zeh. Auch für Alev ist Lesen nicht Hobby, sondern „Obsession“. Er schlägt vor, im Leistungskurs Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen und trifft damit genau Smuteks Geschmack.

Ebenfalls nach Smuteks Geschmack ist Ada, die, wenn nicht schön, so doch schlau und sportlich ist. Smutek, Deutsch- und Sportlehrer, kann nicht umher, Ada zu beobachten, wenn sie ihre Runden läuft. Nachdem sie Smuteks Frau auf Klassenfahrt vor dem ertrinken gerettet hat, zieht Smutek Ada aus, um sie nackt in das wärmende Badewasser zu legen. Als Alev davon hört, wird ihm schnell klar, dass mehr dahinter steckt als die bloße fürsorgliche und rettende Geste.

Er bereitet ein Spiel vor, bei dem Ada ihm behilflich sein soll. Sie soll Smutek verführen, während Alev die beiden beim Akt fotografiert, um Smutek mit den Bildern zu erpressen. Alev und Ada bezeichnen sich als „Enkel der Nihilisten“. Sie sagen, es gebe nicht einmal mehr etwas, an das man nicht glauben könne. Dementsprechend sei auch keine Moral vorhanden, die ihrem Experiment im Weg stehen könnte. Es scheint nicht einmal ein Grund vorhanden, aus dem sie Smutek in ihr Spiel mit hineinziehen. Alev, der selbst impotent ist, bringt sich selbst in die Position größter Omnipotenz: Er vergleicht sich mit Gott. Er sagt, er gebe Smutek die Möglichkeit, durch die drohenden Sanktionen, Entscheidungen zu treffen und Mensch zu werden, wie auch Gottes Rachegelüste dem Menschen zu eigenem Willen verholfen hätten.

Smutek fällt auf das Spiel herein. Er lässt sich von Ada verführen und von beiden erpressen. Er fühlt sich, als sei ein Spielbrett vor ihm mit lautem Knall niedergegangen, das nichts als eine Ausgangsposition zeigt und „Smutek hatte schwarz.“ Smutek, dessen Gedanken und Blicke oft genug um die kräftige Ada kreisten, muss – und kann – von da an wöchentlich vor der Kamera mit Ada schlafen. Er genießt seine Position zeitweise. Er fühlt sich mehr und mehr zu Ada hingezogen – wie auch sie sich zu ihm.

Nicht nur an diesem Punkt hat „Spieltrieb“ Ähnlichkeit mit Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“. Törless verliebt sich in Basini, der eigentlich sein Opfer ist. Und auch Basini verliebt sich in Törless. Ebenso gleicht sich der Handlungsort, das Internat. Auch die Initiatoren der Folter, Alev und Reiting, ähneln sich. Beide Charaktere sind charismatisch und dominant, intrigant und manipulativ. Lediglich der Sprung von der Moderne in die Post-Moderne, zum Post-Nihilismus in diesem Fall, zeigt sich im fehlenden Motiv Alevs. Reiting will sein gegenüber demütigen und quälen. Alev will nur spielen.

Allerdings, so kühl, berechnend und intelligent sowohl Alev als auch Ada sein mögen, so menschlich und pubertär erscheinen sie zuweilen. So genau Ada sieht „welcher Natur Alevs Interesse“ ist, nämlich der eines „ehrgeizigen Schachspielers an einem gut positioniertem Springer“, so wenig kann sie dagegen tun, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Auch Alev zeigt, trotz seiner körperlichen und emotionalen Impotenz, Momente der Eifersucht. Als er Ada vor dem ersten Beischlaf mit Smutek entjungfern soll und dies nur per Dildo tun kann, „schmerzte ihm etwas in der Brust, und er fühlte zum ersten Mal, dass er ein Herz besaß. Hätte es die Möglichkeit gegeben, die Sache abzublasen, wenigstens für den heutigen Abend – er hätte es sicher getan.“ So jedenfalls mutmaßt die auktoriale Erzählerin aus der Retrospektive.

Hat er aber nicht. Alles geht also seinen vorbestimmten Gang. Und wie es bei einer Autorin, die Juristin ist, beinahe zu erwarten ist, endet der Fall vor Gericht. Die Richterin, die auch die Erzählerin ist, hört auf den Spitznamen „Kalte Sophie“. Es zeigt sich: Zeh überlässt nichts dem Zufall. Sophie, als Anlehnung an das griechische Sophia, bedeutet Weisheit. Zeh lässt die Weisheit über dem Recht stehen und Sophie am Ende ein ungewöhnliches Urteil eines außergewöhnlichen, einzigartigen Falls sprechen.

Vieles an diesem Roman scheint ungewöhnlich, aber ebenso kalkuliert. Das Geschehen an sich ist in sofern nicht alleingestellt. Schon der Name Ada ist selten und besonders. Er referiert zu einem Roman Nabokovs, dem Autor des prototypischen Verführerinnen-Romans „Lolita“. Weiter sind viele Ähnlichkeiten zu Zehs Leben zu erkennen: Der Roman spielt in ihrer Geburtsstadt Bonn, die Figuren sind allesamt Musil-begeitert, wie Zeh es offensichtlich auch ist. Ada und Alev sind fast übermäßig gebildet, was man bei es Zeh auch vermuten kann. Und die Erzählerin, genau wie die Autorin, ist Juristin. Die Schule, die den Handlungsort darstellt, ist das Ernst-Bloch-Gymnasium, wo das ‘Prinzip Hoffnung’ mehr gilt, „als an jedem anderen Ort“ – die Referenz zu Blochs Hauptwerk ist ein in aller Deutlichkeit kalkulierter Bruch.

Was einerseits erschlagend ist, ist andererseits beeindruckend an diesem Roman: Die Fülle von Bezügen, die Masse an Metaphern und Sinnbildern, sowie deren stetige Wiederkehr und Neuverwendung. Man findet sich als Leser verwirrt zwischen schiefen Metaphern wie der „smaragdblauen Woche mit aufgetürmten Himmeln“, die kurz darauf von der Erzählerin des Romans aufgelöst werden, wenn von folgenlosen Irrtümern, „ähnlich jenen über die Farbe von Smaragden oder die Anzahl von Himmeln“ die Rede ist. Der Roman bezieht sich auf sich selbst und wird so gewissermaßen zu einem geschlossenen Werk, zu etwas Unnahbarem.

So sind auch Alev und Ada im Roman präsentiert. Ihre kurzen Anzeichen von Menschlichkeit fallen nur auf, weil sie sonst so emotionslos und kalt sind. Dem Leser wird es nicht einfallen, trotz einiger kluger und nachvollziehbarer Gedanken, die beiden als Identifikationsfiguren zu sehen. Die jugendlichen Charaktere mit ihrer aufgeblasenen Sprache und ihrem arroganten, elitären Bildungsgetue sind unsympathisch und kaum nachvollziehbar.

Aber genau das sollen sie auch sein. Zeh bringt Form und Inhalt gewissermaßen auf einen Nenner. Ada und Alev, das Spiel, das sie spielen, all das stellt die Betroffenen wie die Leser vor ein Rätsel. Alles wirkt so künstlich und konstruiert, wie auch die Sprache es ist. Ada und Alev sind Fremdkörper. Sie sind zu weit weg von allem, was man kennt. Was sie tun ist zu abstrakt, als das man damit hätte rechnen können. Zeh wirft in überzeugender, wenn auch gewaltig konstruierter Sprache das Problem einer pragmatischen Moral auf und stellt die Frage, wie Recht und Gesellschaft darauf reagieren. Sie zeigt, wohin Menschen driften können, die nichts mehr haben, an dem sie festhalten können, keine Religion, keine Ideologie und keine Werte. Eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung gescheitert ist und der Spieltrieb regiert. Der Spieltrieb, sagt Alev, „ist die letzte verbliebene Seinsform. Der Spieltrieb ersetzt die Religiosität, beherrscht die Börse, die Politik, die Gerichtssäle, die Pressewelt, und er ist es, der uns seit Gottes Tod mental am Leben erhält.“

Das Prinzip Hoffnung, die Utopie einer besseren Welt, scheint in einer Welt wie der hier dargestellten nicht angebracht. Die Welt, die Geisteshaltung, die Zeh hier anhand zweier Anti-Holden-Caulfields zeichnet, die zwanghaft nicht Kind sein wollen, ist grausam, aber interessant. Zeh stellt Zeitdiagnosen über eine Post-9/11-Welt, in der der Terror Einzug in den Alltag gehalten hat. Gleichzeitig ist er zur Nebensächlichkeit geworden, die es nicht einmal mehr zu begründen gilt. Was Zeh präsentiert ist zwischenzeitlich grausam, prätentiös und wenig nachvollziehbar. Aber es hat Gewicht und Relevanz, weil es nicht so weit weg ist, von dem, was tagtäglich passiert. Adas Mutter sagte einmal zu Ada, dass kein Ereignis so schlimm sei, wie die Furcht, die es vorausschicke. Das mag auch für die Utopie Zehs gelten. Man mag sich vor einer solchen Welt, einer solchen Jugend fürchten. Aber so schlimm wird es schon nicht werden. Jedenfalls hätte das Buch uns schon gut darauf vorbereitet.

Juli Zeh. Spieltrieb. btb, 2006.

Social Utopia

26. September 2011

Im Allgemeinen klingt der Begriff Utopie nach etwas durchweg Positivem aber Unerreichbaren. Völlige Gleichheit aller Religionen, Geschlechter, sexuellen Orientierungen und gesellschaftlichen Klassen ist beispielsweise eine Utopie und gleicht dabei im Anspruch, alles unter einen Hut zu bringen, der berühmten Eier legenden Wollmilchsau. Alles könnte so schön sein – ist es aber nicht.

In der Literatur ist das Genre der Utopie ein eher negativ belegtes. Jedenfalls seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben es vor allem negative Ausblicke auf die Gesellschaft geschafft, wahrgenommen zu werden und unseren heutigen Blick auf die damalige Zukunft zu prägen. Musterbeispiele für dieses Phänomen sind Orwells 1984 (1949) und Huxleys Brave New World (1932). Neuere Werke, die einen kritischen Blick auf die Entwicklung unserer gesellschaftlichen Entwicklung werfen sind etwa Juli Zehs Corpus Delicti (2009) und Michel Houellebecqs La possibilité d’une ile (Die Möglichkeit einer Insel, 2005). Das Erschreckende an all diesen Ausblicken auf unsere Gesellschaft ist die Präzision mit der beschrieben wird, was noch nicht stattfindet, aber doch beinahe so geschehen wird. Nicht umsonst ist Orwells Vision vom Big Brother heute ein geflügeltes Wort, und gerade besonders aktuell, in einer Gesellschaft, die keinen Staat mehr braucht um sich vollständig beobachten zu lassen, sondern freiwillig alle persönlichen Daten bereitstellt.

Mehr und mehr führen wir ein Leben, das schlichtweg digital abläuft. Houellebecq hat dieses Szenario in seinem Roman von 2005 gewissermaßen vorweggenommen. Houellebecq erzählt darin die Geschichte von Daniel und dessen späteren Klonen Daniel 24 und Daniel 25. In der Jetztzeit, der Zeit Daniels, schafft es eine Sekte, Menschen zu klonen, was zu der Zukunft führt, in der Daniel 24 und später 25 als Klone Daniels seine Nachfahren darstellen. Sie sind Neo-Menschen, die sich nicht mehr natürlich fortpflanzen und sich über Fotosynthese versorgen. Neo-Menschen leben einsam und weit entfernt von anderen Neo-Menschen auf abgesperrten Arealen und kommunizieren über das Internet. Ihr Leben besteht daraus, die Lebensberichte ihrer Vorfahren zu lesen und zu kommentieren und sich digital mit anderen Neo-Menschen auszutauschen: Willkommen im Social Media.

Facebook unternimmt gerade den nächsten Schritt, die Schreckensvorstellungen von Orwell und Houellebecq noch realer zu machen. Facebook hat jetzt die altbekannte Pinnwand auf Facebook-Profilen durch eine sogenannte Timeline ersetzt. Anhand von genutzten Apps und sonstigen Facebook-Aktivitäten wird das Profil der Nutzer nun so erstellt, dass alle seine Tätigkeiten auf dem Profil sichtbar sind. Je weiter man von der oben dargestellten Gegenwart in die unten liegende Vergangenheit geht, desto mehr sind die Daten dort komprimiert, wenn auch trotzdem verfügbar. Zuckerberg will damit die „Geschichte eines Lebens“ erzählen lassen, in jedem einzelnen Profil. Man kann als Nutzer sehen und sichtbar machen, welche Bücher und Zeitungen man liest, welche Filme man gesehen hat, mit wem man sich wann angefreundet hat, wo man wann gewesen ist, wann man welche Strecke gelaufen ist usw. Nichts soll mehr geheim bleiben. Zuckerberg hat schon einmal vom Ende der Privatsphäre gesprochen. Hier macht er einen kräftigen Satz in diese Richtung.

Nicht nur wird die Überwachung, die von Facebook ausgeht, noch einmal maßgeblich vorangetrieben – Big Brother is watching you – auch wird die digitale Darstellung des Menschen auf ein Level geführt, dass in weiter aus der Realität zieht. Die ständige chronologische Darstellung menschlichen Handels und die anschließende Komprimierung dessen machen das Leben scrollbar und damit leicht verständlich. Der Mensch an sich strebt nach leichter Verständlichkeit seines Lebens. Der Philosoph Paul Ricoeur hat diesbezüglich geschrieben, dass Zeit an sich nicht verstanden werden kann und nur über menschliches Erleben und die Erzählung dessen begreifbar wird. Menschen sind angewiesen auf eine gewisse literarische Darstellung ihres Lebens, denn nur aus der Erzählung wird Zeit fassbar und – im Umkehrschluss – ein Leben erzählbar.

Zuckerberg macht sich dies jetzt zu Nutze. 700 Millionen Nutzer können nun ihr Leben auf eine Gerade bringen, alle Winkel und Kurven ausmerzen und stringent erzählen. So können sie alle ihr Leben für sich und andere auf das Nötigste reduzieren und darstellen, was sie sein wollen. Menschen haben schon immer gern von sich erzählt, sich immer gerne dargestellt. Zuckerberg geht gekonnt auf menschliche Grundbedürfnisse ein. Da haben alles was davon.

Ach, wie ist das schön, wie ist das einfach – wie ist das erschreckend.

Mediale Zerstörungswut

14. August 2011

Die Ausschreitungen in London sind teilweise eine Fortsetzung der Protestwelle, die sich durch Nordafrika und weite Teile Europas zieht. Überall sind die neuen Medien ein tragender Aspekt der Proteste. Aber nirgendwo sonst stehen die alten den neuen Medien so krass entgegen wie in London.

Schon die quasi-gescheiterte grüne Revolution in Iran galt als Revolution der neuen Medien. Als Twitter- oder Facebook-Revolution. Seither sind alle Proteste größeren Ausmaßes von den Netzwerken beeinflusst und geprägt. Kein Protestversuch in den zumeist diktatorisch geführten Ländern kommt ohne die Organisation per Facebook-Gruppe oder Twitter-Accout aus. Wie auch? Das Internet ist das letzte oft einzige Medium, dass gleichzeitig einigermaßen frei ist und für große Mengen von Menschen gleichzeitig zugänglich.

Überall ist eine Generation auf der Straße, die mit dem Internet aufgewachsen ist und ihre kulturelle Sozialisation teilweise dort erlebt hat, eine Generation, die von den großen Idealen der Menschheit und des Netzes träumt: Gleichheit, Selbstverwirklichung, Meinungsfreiheit. Diese an sich demokratischen Werte sind es, die die Jugendlichen in Kairo, Tel Aviv, Athen und auch in London auf die Straßen treiben. Auf der einen Seite sind das Menschen, die diese Ziele endlich einmal erreichen möchten, die Hoffnung haben, durch Demokratie ihrer prekären Lage zu entrinnen und ein besseres Leben beginnen zu können.

Auf der anderen Seite, hier in Europa, haben wir Jugendliche, die sich ihrer versprochenen Perspektiven beraubt sehen. Die europäischen Proteste sind großteils von jungen Akademikern getragen, die trotz ihrer guten Ausbildung am Rande des Existenzminimums leben, in dauerhafter, hoher Arbeitslosigkeit. Zum Schluss haben wir aber noch die Briten. Deren Frustration ist höher als die rest-europäische. Dort sehen wir Jugendliche, die nicht einmal eine gute Ausbildung erfahren. Wir sehen abgeschobene, diskriminierte junge Menschen, frustriert von der Erfahrung, keine Perspektiven zu haben. Das demokratische Versprechen ist an ihnen letztlich komplett gescheitert. Die Hoffnung, durch Proteste einen Ausweg zu finden auch. Wohl deshalb sehen wir derzeit Bilder von jungen Männern, die ihre eigene Nachbarschaft abfackeln und sich gegenseitig ausrauben. Es gibt keinen Grund für sie, irgendetwas zu erhalten.

Auch diese hoffnungsfreien Krawalle sind getragen von den neuen Medien, die sich die Randalierer zu Eigen machen um der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Das britische Überwachungssystem CCTV – was übrigens den gleichen Namen trägt, wie das chinesische Staatsfernsehen –, die Polizei- und TV-Hubschrauber sind bei weitem nicht so schnell wie Twitter. Die Randalierer sind den alten neuen Medien immer einen Schritt voraus. Sie überwinden per 140-Zeichen-Tweet einfach so das größte staatliche Überwachungssystem auf offener Straße. Kameras braucht kein Mensch mehr, sagt uns das, wenn man per Smartphone überall online und erreichbar sein kann. Das Neue verdrängt das Alte. Ganz schnell. Ohne lange Diskussion. Technische Evolution. Elektronischer Darwinismus.

Ohne die direkte technische Überlegenheit im Praxistest abzuwarten, wurde bei der Gelegenheit auch noch ein anderes altes Medium nahezu abgeschafft. Ein Lager von Sony und anderen, kleineren Musikvertrieben von 200 qm wurde abgefackelt. Unzählige CDs wurden vernichtet. Was Sony sicherlich nicht sonderlich weh tut, wird den betroffenen Indie-Labels unter Umständen das Genick brechen. Und damit auch England ein kulturelles Standbein rauben. Gerade die Protestler respektive Randalierer berauben sich damit selbst. Viele kleine britische Labels veröffentlichen Hip Hop und Dancehall, Grime und TripHop, Dubstep und Garage und was nicht alles. Musik der Jugend. Musik der Ausgestoßenen. Musik des Protests. Diese Musik könnte jetzt nicht mehr herausgebracht werden. Das heißt, einige junge Künstler, die vielleicht durch Musik aus ihrer Lebenssituation herausgekommen wären, bleiben nun wo sie sind. Inmitten ihrer abgefackelten Nachbarschaften. Ohne Dach über dem Kopf. Ohne Plattendeal. Und, was ja viel mehr Menschen treffen wird, als der verlorene Deal, ohne neue Musik.

So gut das Neue oft scheint, so sicher kann das Alte manchmal sein. Nicht jede Neuerung muss erzwungen werden. Twitter jedenfalls wird die Platten der Zukunft nicht herausbringen. Und ohne Musik wird die Zukunft nur noch ein bißchen trostloser.

Der tiefe Fall des Justin Bieber – Eine Prognose

8. August 2011

Amerika wurde herunter gestuft. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat den USA die Bestnote genommen. Das Flaggschiff der internationalen Wirtschaft hat den Weg der europäischen Pleiteländer eingeschlagen und schürt die Angst vor einer fortgesetzten Wirtschaftskrise. Während also die Wirtschaft kaum zur Ruhe kommt und eher immer tiefer fällt, wird das, was mitverantwortlich gemacht wird, das Ratingsystem, kurz auf weitere Bereiche ausgeweitet. Wie die SZ am vergangenen Mittwoch, den 3. August gemeldet hat, gibt es jetzt Ratingagenturen, die den sozialen Wert der bei Facebook, Twitter und LinkIn angemeldeten Personen bemessen. Kontaktfreudigkeit wird zu einem mehr oder weniger reellen Wert.

Aufmerksamkeit ist eine Währung. Immer schon gewesen. Aber bisher konnte dies kaum bemessen werden. Wenn, dann indirekt: Schlagzeilen und Mund-zu-Mund-Propaganda haben schon immer für mehr Interesse/höhere Verkaufszahlen/mehr Airplay gesorgt: Bad News is Good News. Amy Winehouse war immer ein gutes Beispiel dafür, wie ungefähr jeder aus dem sogenannten Club 27. Aber das sei dahingestellt. Ein ähnliches Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie gilt für jeden öffentlichen Selbstdarsteller in unseren digitalen Zeiten. Auf Facebook, Twitter und Co. kam es noch nie auf Qualität an, sondern nur auf Aktivität an sich. Wer viel macht, wird auch viel bemerkt.

Was sich für die meisten User nur auf ihre Freunde anwenden lies, ist jetzt im Begriff eine reelle Aufmerksamkeitsökonomie zu werden. Was bisher Gold war, kann nun ein LIKE bei Facebook sein, ein neuer Follower bei Twitter: Bares Geld, sichere Reserve. Das mag komisch und utopisch klingen. Aber Facebook – ohne bisher börsennotiert zu sein – gehört zu den wertvollsten Unternehmen derzeit und lässt andere – börsennotierte und mit wirklichen Waren handelnde – Firmen weit hinter sich. Hinter jeden Klick steht tatsächlich gewissermaßen ein reeller Wert.

Facebook ist so etwas wie das digitale China. Überall gehen die Währungen zu Bruch, nur China ist oben auf. Überall lahmt die Wirtschaft, gehen Firmen pleite und Sicherheiten flöten, nur Facebook ist weiter auf dem aufsteigenden Ast (wenn auch mittlerweile erstmals eingeschränkt, munkelt man). Im Übrigen scheint der Facebook-China-Vergleich auch in Sachen Privatsphäre zuzutreffen – nur so nebenbei.

Wie dem auch sei: Jetzt werden nicht nur Facebook und andere 2.0-Unternehmen bewertet wie richtige Unternehmen, jetzt werden auch die einzelnen Nutzer bewertet. Maßstab dafür ist übrigens Justin Bieber, der bisher als einziger die Höchstmarke 100 erreicht hat.

Die USA waren in ihrer Rating-Liga auch mal Titelträger und sind abgestiegen. Als Folge eines Gesamtabstiegs der Wirtschaft und der Währungen. Mit der Folge großer Ängste und bisher kaum absehbarer Reaktionen an Börse und in der Politik. Justin Bieber ist gerade das, was die USA einmal waren, auf seinem eigenen digitalen Level. Als die Weltwirtschaft den Kurs nach unten eingeschlagen hat, mussten auch die USA zwangsläufig eines Tages nachziehen, was die Welt noch näher an den wirtschaftlichen Abgrund bringen mag. Ein Teufelskreis.

Wenn Facebook jetzt von Google+ so verdrängt werden sollte, wie MySpace von Facebook, und den Weg gen Boden antreten sollte, dann wird auch Justin Bieber abstürzen. Sein Absturz wird wiederum Facebook weiter ins Straucheln bringen. Das Prinzip bleibt das Selbe. Und anscheinend will niemand daraus lernen. Zu hoch fliegen hat immer schon zu hohe Fallhöhe mit sich gebracht. Vor und vor allem nach Ikarus. Vor und auch nach der Weltwirtschaftskrise. Welche auch immer.

Digitale Degeneration

19. Juli 2011

Die Menschheit wird zunehmend fauler. Man sieht es jeden Tag, zum Beispiel, wenn einem auffällt, wie wenig Menschen überhaupt auf der Straße sind und stattdessen lieber vor der Glotze oder dem Rechner sitzen. Das mag nicht nur als Zeichen der Faulheit gesehen worden, sondern tatsächlich auch als der Faulheit Grund. Mittlerweile ist belegt, was lange schon vermutet wurde und eigentlich immer klar war: Die Menschen werden zu faul zum Denken.

Ein Paper das im sciencemag veröffentlicht worden ist, berichtet davon, dass Menschen zunehmend das Internet als Gedächtnis nutzen und sich nur merken, wovon sie ausgehen, dass sie es nicht online finden können. Ein Prof. von mir hat das mal so ausgedrückt – und damit eigentlich einen gut gemeinten Tipp fürs Studium geben wollen: „Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo es steht.“ Was für Fachwissen und nicht leicht zu merkende Theorien gelten sollte, hat sich nun eben als Allgemeinwert herausgestellt und in die Gesellschaft gebrannt.

Für die Folgen dessen gibt es zwei Möglichkeiten. 1. erweitert der Mensch ab jetzt sein Wissensspektrum, weil er nur noch relevantes, undigitalisiertes Wissen speichert und mit sich herum trägt. D.h., das alles, was es bereits digital gibt, was zugegebenermaßen eine ganze Menge ist, nicht mehr merk-würdig sein wird und alle Menschen eine Menge neues, frisches Wissen tanken können.

Diese Version ist unfassbar optimistisch, nahezu utopisch, und wirft die Frage auf, ob Menschen dann kein neues Wissen mehr digitalisieren, damit sie es behalten oder was mit neuem Wissen geschieht, das alsbald digitalisiert wird. „Tod des Netzes“, respektive „Das Vergessen des neuen Wissens“. Also unnütz, weil nicht machbar.

Die zweite Version sieht so aus, dass der gemeine Mensch sich selbst zum Demenz-Patienten züchtet und sich darauf trainiert, möglichst viel zu vergessen. In einer Welt, in der man sein Hirn in eine Cloud auslagert, braucht es nur einen gemeinen Hacker mit seinem Finger auf dem Delete-Knopf, der alle Menschen um sich herum zu Vollidioten macht. Letzteres, muss man sagen, sind viele eh, zumal der Mensch im Allgemeinen, der sich selbst sein Hirn amputiert.

Paradox an diesem neuronalen Schlankheitswahn ist, das gleichzeitig eine starke Tendenz zur Selbstoptimierung zu erkennen ist. 1 Million Mac-Fit-Nutzer usw. Aber nicht nur im Club gewordenen Chatroom bessert man sich aus, auch digital. Auf der Seite quantifiedself.com versuchen Menschen, anhand von Zahlen ein möglichst objektives Selbstbild zu erhalten, und an diesem zu arbeiten. Alles soll ich Zahlen ausgedrückt werden, sogar die Kategorie „Mood“ und „Dreams“.

Es ist ein erstrebenswertes Ziel, mehr aus sich zu machen. Mehr Intellekt, mehr Humor, mehr Charakter. Mehr oder jedenfalls besserer Schlaf, besseres Essen, wasweißich. Aber funktioniert das in Zahlen? Kann man alles objektivieren?

Der Mensch ist ein subjektives Wesen, geprägt durch ein jeweils einzigartiges Gehirn, das durch einzigartige Erfahrungen geprägt ist. Soll heißen: der Mensch, seine Bewertungen und Auffassungen sind zutiefst subjektiv. Jedem das Seine. Jeder nach seiner Façon. Jeden macht etwas anderes glücklich. Das heißt dann natürlich auch: jeder kann sich selbst verbessern und verschlechtern, wie er lustig ist. Auch im Netz. Auch völlig objektiviert.

Sagen wir, Selbstverbesserung wäre ein Weg, dem Demenz-Schicksal aus dem Weg zu gehen, dann müssen wir schon vor jedem Aufkeimen von Hoffnung feststellen: Der Samen wurde in die faule, digitale Erde gesteckt und kann nicht erblühen. Die Blume der Hoffnung entpuppt sich als digitaler Baum der Fäulnis.

Es klingt, wie so häufig nach der gerechten Strafe der Evolution, die uns mit unfassbaren Fähigkeiten ausgestattet hat, nur damit wir sie zur Selbstzerstörung nutzen. Es ist der biblische Apfel, der vor uns liegt und den wir zu gerne ergreifen um uns selbst in die Scheiße zu reiten. Der langwierige Gang an die Spitze der Schöpfung wird seit Jahr und Tag begleitet von dem dringenden Verlangen, sich wieder im Schlamm zu suhlen, erst ohne Paradies. Bald ohne Hirn. Aber dafür mit Netz. Hurra.

Urheber-un-recht

21. Juni 2011

Nach Guttenberg und Stoiber-Tochter Saß, hat nun auch Silvana Koch-Mehrin ihren Doktortitel verloren. Die Internetgemeinde, welche die Plagiate aufgedeckt hat, zeigt damit weiterhin und unmissverständlich, welche Doppelmoral ihr Zugrunde liegt.

Koch-Mehrin, ehemalige Vorsitzende der FDP im Europaparlament und ehemalige stellvertretende Präsidentin des Europaparlaments, hat schon vor einiger Zeit ihre Ämter niedergelegt. Sie sagte nichts zu den Vorwürfen. Sie hat vieles anders gemacht als Guttenberg. Trotzdem wurde ihr am vergangenen Mittwoch der Doktortitel von der Universität Heidelberg aberkannt. Ihre Arbeit sei zu substanziellen Teilen plagiiert, hieß es.

Wie auch bei Guttenberg wurde Koch-Mehrins Doktorarbeit zuerst im Internet auseinandergenommen. Die Nutzer des Vroniplag.Wikis haben, wie zuvor bei der Stoiber-Tochter und Namenspatin des Wikis, Veronika Saß, den Stein erst ins Rollen gebracht, oder: weiter rollen lassen. Die Plagiat-Aufdeckerei scheint seit der Causa Guttenberg kein Ende zu nehmen.

Sicher hat das gute Gründe. Niemand, zumal keiner, der als Politiker in der Öffentlichkeit steht und um Vertrauen wirbt, sollte ohne die entsprechende Arbeit, den Lohn dafür bekommen und in Form eines Titels mit sich herum tragen. Für die Wissenschaft gelten da strenge Regeln. Für die allgemeine Bevölkerung aber auch. Und von daher auch für das Internet und deren Nutzer.

Es ist paradox, dass ausgerechnet Nutzer des Mediums, das am meisten durch Urheberrechtsbrüche auf sich aufmerksam macht, die Verletzungen dessen derart scharf kritisieren. Als Helene Hegemann im Februar 2010 wegen abgeschriebener Stellen aus ihrem Debütroman an den Pranger gestellt wurde, verteidigte sie sich mit dem Argument, in Zeiten des Internets sei ein solches Verhalten normal. Trotzdem wurde ihr Verhalten von einem Blogger aufgedeckt.

Seit vor einer Woche die illegale Filme-Plattform kino.to gesperrt wurde, demonstrieren deren Nutzer auf der Straße und im Internet. Zur Strafe, wie es scheint, werden die Internetseiten ihrer vermeintlichen Gegner lahmgelegt. Die User sehen nicht ein, die Arbeit anderer Leute zu honorieren und ins Kino zu gehen, eine DVD zu kaufen oder zu leihen. Sie sehen ebensowenig ein, dass dieses Verhalten rechtmäßig unterbunden werden kann.

Die Kinder des Internet-Zeitalters messen mit zweierlei Maß. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen dem wissenschaftlichen Plagiat und der Raubkopie. Es geht nicht darum, Bücher nicht anzugeben, weil man für sie zahlen müsste und meint, der Autor verdiene bereits genug. Und wer streamt oder herunterlädt will sich nicht mit fremden Federn schmücken. Aber wer wissenschaftlich plagiiert, will genau wie ein Raubkopierer von den Ideen und Umsetzungen andere profitieren. Der Wissenschaftler will es sich leicht machen und Ideen übernehmen.. Der Raubkopierer will Ideen konsumieren, ohne deren Produktion zu entlohnen. Die Produzenten von beidem sollen leer ausgehen, sei es im Bereich Reputation oder Ökonomie.

Warum die Internet-Gemeinde ersteres anprangert, aber letzteres für gut befindet, bleibt unklar, unverständlich und unreif. Aber das Internet ist ja noch jung. Wenn das Internet erst einmal so alt ist, wie die Universität Heidelberg, wird es sicher auch härter durchgreifen, aber wahrscheinlich auch gerechtfertigter.

Grüne gegen Gemüse – Ein Plädoyer für ein neues Grünen-Kernthema

17. Juni 2011

Die EHEC-Epidemie ist Deutschlands eigenes Fukushima, der Gemüse-GAU. Dagegen hilft nur, Gemüse abzuschaffen.

Es scheint, als sei der Auslöser der EHEC-Epidemie gefunden. Nach wochenlanger Suche und mehrfach ausgesprochenen Warnungen gegen frisches Gemüse und Sprossen, nach voreiligen Beschuldigungen gegen Spanien und eine verschwendete Ernte-Saison, einem Importverbot Russlands und einer Ausladung einer Schultheatergruppe von Seiten Budapests, gilt nun der Sprossen-Verdacht als erhärtet. Kleine, harmlose Sprossen. Unfertige Lebensmittel. Unterentwickelte Pflanzen. Sie haben Krankheit und Tod nach Deutschland gebracht.

Die Bilder, die EHEC mit sich gebracht hat, von zerstörten Lebensmitteln, scharfen Grenzkontrollen, von Beamten in Schutzanzügen und einer unsicheren Bevölkerung, erinnern etwas an die Bilder, die Fukushima nach sich gezogen hat und teilweise immer noch nach sich zieht. Während aber Fukushima mindestens in Deutschland und der Schweiz zu signifikanten Einschnitten und Veränderungen geführt hat – Stichwort: Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg – wartet man in Sachen Lebensmittelsicherheit vergebens auf Konsequenzen.

Schon vor dem Atomunfall gab es eine große Lobby gegen Atomkraftwerke. Die Grünen sind aus der Protestbewegung der 1980er Jahre gegen Atomenergie und Aufrüstung entstanden und haben sich mit dem Programm bis in die Regierung gearbeitet. Mittlerweile sind sie endgültig in der Mitte der Gesellschaft – s. Baden-Württemberg – angekommen. Auf einem Höhepunkt ihrer Parteigeschichte wird gleichzeitig die Atomkraft verabschiedet und damit auch ihre Existenzgrundlage. Wohin also mit den Grünen? Was wollen sie noch?

Möglich und in Sachen Bürgerschutz sinnvoll wäre, da jetzt die Strahlengefahr immer mehr gebannt ist, die Bürger vor Frischwaren zu schützen. Lebensmittel wie Eier (Dioxin), Gurken, Tomaten, Salat, Sprossen (EHEC) und Fleisch (Creutzfeld-Jakob, Gammelfleisch) werden zunehmend gefährlich. In einer Welt, die immer mehr Menschen beherbergt, werden natürlich wachsende Lebensmittel immer rarer. Die Lebensmittelindustrie ist groß und mächtig und vermutlich ebenso skrupellos und einflussreich wie die Atomlobby es bis vor kurzem immerhin gewesen ist. Von was sind wir denn sonst so abhängig, wie von Nahrungsmitteln?

Es gibt zwei Möglichkeiten: 1: Wir bauen wieder vermehrt im eigenen Garten an, wahlweise im Stadtpark, oder auf ausgewiesenen Äckern. Gleichzeitig, aber auch generell könnte 2. in Kraft treten: Wir müssen wieder mehr Konserven- und TK-Waren kaufen und verzehren. Meist schneiden diese in Tests besser ab als Frischwaren. Paradox: Aber die böse Industrie ist die, die eher nach Natur aussieht. Und die Natur an sich hat sich bisher selten als gnädig dargestellt.

Frischwaren (zumal aus Großproduktionen) gehören abgeschafft, den Bürgern vorenthalten. Die Grünen könnten und sollten sich jetzt der Tiefkühlkost als Frischwarenersatz annehmen. Bevor Schlimmeres passiert. Und um mit guten Beispiel voran zu gehen – die CDU macht es vor, in Sachen AKWs. Auch die Grünen brauchen ganz dringend wieder ein Vorzeigeprojekt und eine Triebfeder. Ein umsetzbares Kernthema, nah am Bürger. Ohne dem – siehe vor allem FDP – geht es nicht.

Das flatterhafte Glück

5. Juni 2011

Clemens Meyers Gewalten. Ein Tagebuch. ist ein Versuch, dem Leben zu entkommen und es so erträglicher zu machen.

Clemens Meyer hat einmal gesagt, es sei für ihn beruhigend zu wissen, dass einige der großen amerikanischen Autoren schon einmal in der Gosse gelegen haben, bevor sie zu wichtigen Schriftstellern wurden. Dass man es trotzdem zu etwas bringen könne. Warum dieses Wissen für Meyer wichtig ist, kann man sich vorstellen, wenn man einerseits seine Biografie kennt und andererseits sein neues Buch Gewalten. Ein Tagebuch gelesen hat. Meyer wirkt wie ein neuer Charles Bukowski: Meyer raucht, Meyer trinkt, Meyer wettet und spielt. Und Meyer offenbart seine Empfindlichkeit und Emotionen durch Prosa an der Grenze des Erträglichen.

Der 1977 in Halle an der Saale geborene und in Leipzig lebende Meyer hat nach seinem Abitur als Bauarbeiter gearbeitet bis Rückenprobleme ihn zwangen, aufzuhören. Daraufhin begann er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig zu studieren, auch wenn er keine Lust hatte auf das „intellektuelle Gesocks“ dort. Während seiner Studienzeit musste er wegen zurückliegender Delikte in den Jugendarrest. Zwei Mal hat er in seinem Leben den Knast von innen gesehen. Und nicht nur das macht den Anfang von Gewalten, die gleichnamige erste Episode, so wirklich und so glaubwürdig.

Der Ich-Erzähler – vielleicht Meyer, vielleicht nicht – ist an eine Wand gefesselt. Eine weiche Wand, wie er tastend feststellt. Er sieht sich selbst zu, sieht sich von außen, dreht sich um sich selbst, schwankt zwischen dem Jetzt und der Erinnerung, an das, was ihn in diese Situation gebracht hat. In ewigen Schachtelsätzen voller Assoziationen zu Zombiefilmen und christlichen Motiven, voller Flashbacks, ausgespuckt von einem Bewusstsein unter einer erst langsam schmelzenden „Eisdecke“, nimmt Meyers Erzählung sofort Fahrt an. Sie schwankt zwischen Da und Weg, zwischen Realität und Fantasie, zwischen sich-abfinden und dagegen-ankämpfen. Meyer „reitet“ in der Psychiatrie das Bett, an das er gefesselt ist, durch seine Zelle, er reitet die Wörter in einem schnellen Takt durch die ersten Seiten des Buches. Er kämpft und schreit und lässt alle wissen: „Ich bin noch da, ihr Schweine!“

Dieser Ton, dieser Kampf ist, was sich durch Meyers Tagebucheinträge zieht. Er ist da. Auch wenn er sich beinahe durchgehend in Zwischenwelten bewegt. Man kann sich selten sicher sein, ob Meyer einen gerade durch seine Realität führt oder ob man lediglich teilnimmt an einer Fantasie Meyers. Immer lässt Meyer diese Unklarheit im Raum. Man denkt, ein Tagebuch müsse eigentlich sehr persönlich sein, aus Erlebnissen des Autors bestehen. Und wenn der Erzähler einer der elf Episoden schreibt, er sei Autor, er habe am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert, er sei im Knast gewesen, dann meint man Meyer zu erkennen. Aber wenn er sich verliert zwischen einer Bahnhofskneipe und Guantanamo, wenn er einen Kindermörder beobachtet und von seiner eigenen pädophilen Neigung berichtet, wenn er vom Jahr 1999 sagt, es sei „kurz bevor die Computer vor der 2000 kapitulierten und das Chaos auslösten“ gewesen, dann ist man sich nicht mehr sicher, ob der Erzähler auch der Autor ist, ob man dem Genre Tagebuch hier trauen kann.

Meyer bewegt sich nicht ohne Grund zwischen den Welten. Er erzeugt den Eindruck, dass zu viel Realität manchmal zu schwer zu ertragen ist. In der Geschichte „Auf der Suche nach dem sächsischen Bergland“ trifft er einen alten Bekannten am Bahnhof, in der Kneipe, in der er im Laufe des Buches des Öfteren sitzt. Er beschreibt seinen Freund als „unglaublich dünn“, dessen Kopf als „einen mageren Apfel auf einem dünnen langen Stiel.“ Man ahnt, spätestens als von Fliegen im Glas und strohigen Haaren die Rede ist: Meyer trifft einen Toten. Seine Beschreibungen des Freundes sind voller Stolz, denn dieser hat ihn zum Schreiben animiert, und voller Schuld, weil Meyer ihn kurz vor dessen Tod vernachlässigt hat. Meyer geht irgendwann, lässt seinen Freund erneut zurück, diesmal ohne Schuld, dafür voller Trauer und Hoffnung: „Ich muss mich nicht umdrehen, weiß, dass er winkt, weiß, dass er vielleicht nicht winkt, weiß, dass er immer noch etwas böse ist, weiß, dass er weiß, dass ich unsere Freundschaft nie vergessen habe, weiß, dass es keine Regeln gibt in den Momenten des Abschieds und des Sterbens.“

Diese ständige Ungewissheit, die das Leben mit sich bringt, ist das was uns immer wieder in Gewalten begegnet. Meyer aber erträgt sie kaum, versucht diese auszuschalten. In den Geschichten, in denen er spielt und auf Pferderennen wettet, sucht er nach einem verlässlichen Wettsystem, nach etwas Ordnung im Chaos, nach festen Regeln: „Wir müssen an Berechnungen und Kalkül glauben, nicht an etwas so flatterhaftes wie Glück.“ Aber der Weg weg von der Unberechenbarkeit, die Ablenkung davon, ist auch das, was Meyer zerstört, was ihn Bukowski so ähnlich werden lässt: Tabak, Alkohol, Zahlen. Es sind diese gefährlichen und sinnlosen Gifte, wie Meyer schreibt, die gleichzeitig Meyers empfindsame Seite offenbaren, die ihm vor der Realität Schutz gewähren. „Sie haben Angst, aber sie brauchen das Chaos“, sagt ihm eine Wahrsagerin in der „Stadt M.“ Und egal, was er versucht, egal, wie oft und wie radikal er das Hier und Jetzt verlässt und die Realität negiert, egal, wie sehr er sich in Assoziationsströme verliert – das Chaos bleibt und schreit ihn an: „Ich bin noch da, du Schwein!“ Und wenn es dieses Chaos sein sollte, all das Unerträgliche im Leben, dass Meyer zum Schreiben bringt, dann ist dessen quälende Anwesenheit unser aller Glück.

Clemens Meyer. Gewalten. Ein Tagebuch. Frankfurt: S. Fischer, 2010. 16,95€

Siehe auch Amazon Kundenrezension.

Präsidenten und Enten

3. Mai 2011

Derzeit wird die Welt erneut Zeuge von vermeintlich sinnlosem Töten und Sterben. Die Revolutionen respektive Proteste in Syrien und Libyen werden brutal unterdrückt, die Bürger auf den Straßen beschossen und bombardiert. Von Diktaturen kennt und erwartet man das gewissermaßen. Quasi simultan richten die USA den meist gesuchten Terroristen Osama bin Laden in Pakistan hin, respektive töten ihn im Gefecht. Für eine Demokratie ein ungewöhnlicher Schritt, könnte man meinen. Jedenfalls so öffentlich. Aus früheren Fällen kennt man demokratische Staaten nur als Strippenzieher im Hintergrund, die sich aber nicht verantwortlich zeigen mögen. Wie dem auch sei. Menschen töten Menschen. Regierungen töten Bürger. Regierungen jagen Verbrecher. Bleibt sich irgendwie alles gleich. Letztlich wird hier nur der ein oder andere evolutionäre Trieb bedient. Der Trieb zu töten und der Trieb zur Macht. Töten aus hierarchischen Gründen.

Gestern sah ich im Park eine Entenmutter mit acht Kindern in einem Teich schwimmen. Kurzfristig stieß eine andere Entenfamilie dazu, Mutter, Vater, diverse Kinder. Niedliches Schauspiel. Friedlich. Harmlos. Bis, ja bis die eine Familie den Teich verließ und dabei aus Versehen eines der Kinder zurückließ. Das Kleine quakte und rief nach der Mutter. Vergeblich. Als es dann versuchte sich der anderen Entenfamilie anzuschließen, hat dessen Entenmutter dies jäh zu unterbinden versucht und auf das Kleine eingehackt bis es fast untergegangen wäre, sich aber letztlich in sichere Entfernung bringen konnte. Da quakte es weiter. Doch der Entenmutter hat das nicht gepasst. Sie hat das kleine in eine Ecke gedrängt, mit dem Schnabel gepackt und herumgeschleudert. Das Kleine wart für immer still und nie wieder gesehen.

Osama wird im Nachhinein nachgesagt, er habe seine besten und mächtigsten Jahre hinter sich und nichts mehr zu sagen gehabt. Die Bürger in den Libyen und Syrien könnten ihre besten Jahre noch vor sich haben. Die kleine Ente auch. Aber wer nicht in den besten Jahren steht, steht dumm da gegenüber denen, die in der Blüte ihrer Tage, der Blüte ihrer Macht stehen. Wer im Besitz der größtmöglichen Stärke ist, nutzt diese auch gegen schwächere. Diktatoren gegen ihr rebellierendes Volk, Obama gegen Osama, die Mutter gegen das Küken. Die Natur ist grausam, irrational und auf den Tod fixiert. Was im kleinen Teich in Essen scheinbar völlig wahllos passiert, passiert auch in Nordafrika, in Pakistan und überall sonst auf der Welt.

Der Mensch sieht sich als Krone der Schöpfung. Aber deswegen steht er nicht über ihr, nur am oberen Ende. Der Mensch bleibt Teil der Natur. Und als solcher bleibt ihm auch keine andere Wahl als den Spielregeln, den Trieben der Natur zu folgen.- Töten ist vorne mit dabei. Gerade aus Machterwägungen. Mein Teich, mein Land, meine Welt. Von der Ente ist es nur ein kleiner Schritt zum Diktator, zum demokratischen Präsidenten.

Ein Prinz auf Carl

18. April 2011

„Früher war alles besser.“ Nach diesem Motto scheint das Essener Publikum den Berliner Rapper Prinz Pi erwartet zu haben. In der Zeche Carl in Altenessen hat das vorwiegend männliche und jugendliche Publikum am vergangenen Freitag den Prinzen mit „Porno, Porno“-Sprechchören herbeigerufen – denn Prinz Pi hieß früher Prinz Porno. Mittlerweile hat sich aber nicht nur der Name geändert.

Pi kam mit Seitenscheitel und halblangen Haaren, mit Nerdbrille, Sakko und Hemd auf die Bühne. Er ist erwachsen geworden. Sein neues Album „Rebell ohne Grund“, das er auf Tour de Prince live präsentierte, zeugt ebenso wie sein Outfit davon. Es dreht sich thematisch neben der bei Pi üblichen Sozialkritik vorwiegend um Beziehungen. Und so begann auch die Show mit Liedern über Frauen und die Liebe. Nach Bässen, die an Helikopter-Rotoren erinnerten, startete Pi den Auftritt mit der aktuellen Single: dem hymnischen „Du bist“, das seine etwa 400 anwesenden Fans schon auswendig können und lautstark mitrappten. Klassiker aus dem Repertoire von Pi bestimmten die erste Hälfte der Show: Titel wie Würfel, Trümmer und Keine Liebe, die jeder Pi-Fan aus dem Effeff kennt, wechselten sich mit Stücken aus dem neuen Album ab.

Allein die wohlbekannten Lieder der unzähligen Alben des sozialkritischen Künstlers schienen dem Publikum Grund genug zu sein, aus voller Kehle mitzuschreien. Dass die Masse in der Halle Kaue der Zeche Carl sich dazu aufraffen konnte, durfte allerdings verwundern. Der Prinz wirkte auf der Bühne unmotiviert, seine Stimme monoton und gleichgültig. E-Rich, der als Unterstützer des Prinzen dabei war, wusste aber wie man Stimmungsflauten und Ruhepausen im Revier unterbindet: „Ruhr – pott, Ruhr – pott“ schrie er das Publikum an und dieses schrie zurück. Nötig war das kaum. Dankbar aufgenommen wurde es dennoch. Pottpatriotismus ist hier eben gern gesehen.

Die Fans waren begeistert. Jeder Song wurde mitgerappt und mit frenetischem Applaus gefeiert. Als Pi dann zum Mikrophonständer griff und die Balladen Laura und Ich gehe anstimmte, war der emotionale Höhepunkt der Show erreicht. Eine gerührte Stille lag in der Luft. Pi verabschiedete sich und forderte finalen Beifall für sich und seine Begleiter. Die Aufforderung, den Betreuern des Merchandise-Stands „hinten in der Halle“ Applaus zu geben wirkte allerdings etwas merkwürdig. Besagter Stand befand sich vorne im Nebenraum. Pi hatte die Halle anscheinend selbst vor dem Auftritt nicht betreten. Das Publikum, das sich geschlossen zum erwähnten Stand umdrehte, bekam nur Schulterzucken aus der letzten Reihe zu sehen. So sind Monarchen: Vom Volk entfremdet und ahnungslos, wie es „unten” aussieht. Mit diesem heimlichen Highlight ging Pi von der Bühne.

Aber nur um bald darauf wiederzukehren und aus einem normalen Konzert eine Party zu machen. Nach einer Stunde routiniertem und etwas unmotiviertem Rappen und klassischem HipHop-Sound war es Zeit für krachende Elektro-Beats. Pi präsentierte in der folgenden halben Stunde vor allem Songs aus dem 2008 erschienenen Album Neopunk, das stark vom Trend zu Elektrorap geprägt war. Spätestens jetzt zahlte sich die monotone und begeisterungslose Rapweise des Prinzen aus, denn wer laut und energetisch rappt, kann dabei schlecht springen. Aber Sprechen geht auch in Bewegung.

Den Zuschauern war es eh egal, wie des Prinzen Timbre war. Hauptsache der Monarch lies das Volk tanzen, springen und schreien. Songs wie Schädelficken und das finale Gib dem Affen Zucker haben genau das erfüllt. Nach eineinhalb Stunden beendete der Prinz seine Audienz auf Carl. Das Volk wurde gut unterhalten. Der Prinz hat seine Pflicht erfüllt. Und auch die Kür ging kaum darüber hinaus. Früher war alles besser. Auch die Liveshows von Prinz Pi.


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