Juli Zehs zweiter Roman handelt von Erpressung im Internat und erinnert damit stark an Robert Musil, nur bleiben ihre Figuren kalt und unnahbar – wie Ihre Sprache.
In „Spieltrieb“ erzählt Zeh die Geschichte von Ada, Alev und Smutek. Ada ist ein anfangs 14 Jahre altes Mädchen, dass aufgrund einer Schlägerei die Schule wechseln musste. Ein Jahr nach ihr kommt auch Alev auf die Ernst-Bloch-Schule in Bonn. Beide sind im Deutsch-Leistungskurs von Herrn Smutek. Smutek, ein gebürtiger Pole, ist ein „Jünger des Manns ohne Eigenschaften“. Ada wird als Mädchen ohne Eigenschaften charakterisiert. Und damit deutet sich das Drama schon an.
Juli Zeh, die 1974 in Bonn geboren wurde und sowohl Jura als auch Literatur studiert hat, legt mit „Spieltrieb“ nun den Nachfolger ihres expressionistischen Erstlings „Adler und Engel“ vor. Ähnlich wie ihr erster Roman wirkt auch ihr zweiter beinahe überladen mit Metaphern und Analogien. Zeh scheint im Leben und im Studium viel gelesen und gelernt zu haben, und das möchte sie dem Leser auch zeigen. Sei es über die erzählerischen Analogien oder über die Figuren.
Ada und Alev scheinen Zeh ähnlich zu sein. Sie sind mit Abstand die intelligentesten und belesensten Jugendlichen ihrer Stufe. Ada liest „wie man Stämme in ein Sägewerk schiebt. Weil sich von den dicken, harten Klötzen am längsten zehren ließ, mochte sie vor allem die Literatur des letzten Jahrhunderts“ – ebenso wie Zeh. Auch für Alev ist Lesen nicht Hobby, sondern „Obsession“. Er schlägt vor, im Leistungskurs Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen und trifft damit genau Smuteks Geschmack.
Ebenfalls nach Smuteks Geschmack ist Ada, die, wenn nicht schön, so doch schlau und sportlich ist. Smutek, Deutsch- und Sportlehrer, kann nicht umher, Ada zu beobachten, wenn sie ihre Runden läuft. Nachdem sie Smuteks Frau auf Klassenfahrt vor dem ertrinken gerettet hat, zieht Smutek Ada aus, um sie nackt in das wärmende Badewasser zu legen. Als Alev davon hört, wird ihm schnell klar, dass mehr dahinter steckt als die bloße fürsorgliche und rettende Geste.
Er bereitet ein Spiel vor, bei dem Ada ihm behilflich sein soll. Sie soll Smutek verführen, während Alev die beiden beim Akt fotografiert, um Smutek mit den Bildern zu erpressen. Alev und Ada bezeichnen sich als „Enkel der Nihilisten“. Sie sagen, es gebe nicht einmal mehr etwas, an das man nicht glauben könne. Dementsprechend sei auch keine Moral vorhanden, die ihrem Experiment im Weg stehen könnte. Es scheint nicht einmal ein Grund vorhanden, aus dem sie Smutek in ihr Spiel mit hineinziehen. Alev, der selbst impotent ist, bringt sich selbst in die Position größter Omnipotenz: Er vergleicht sich mit Gott. Er sagt, er gebe Smutek die Möglichkeit, durch die drohenden Sanktionen, Entscheidungen zu treffen und Mensch zu werden, wie auch Gottes Rachegelüste dem Menschen zu eigenem Willen verholfen hätten.
Smutek fällt auf das Spiel herein. Er lässt sich von Ada verführen und von beiden erpressen. Er fühlt sich, als sei ein Spielbrett vor ihm mit lautem Knall niedergegangen, das nichts als eine Ausgangsposition zeigt und „Smutek hatte schwarz.“ Smutek, dessen Gedanken und Blicke oft genug um die kräftige Ada kreisten, muss – und kann – von da an wöchentlich vor der Kamera mit Ada schlafen. Er genießt seine Position zeitweise. Er fühlt sich mehr und mehr zu Ada hingezogen – wie auch sie sich zu ihm.
Nicht nur an diesem Punkt hat „Spieltrieb“ Ähnlichkeit mit Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“. Törless verliebt sich in Basini, der eigentlich sein Opfer ist. Und auch Basini verliebt sich in Törless. Ebenso gleicht sich der Handlungsort, das Internat. Auch die Initiatoren der Folter, Alev und Reiting, ähneln sich. Beide Charaktere sind charismatisch und dominant, intrigant und manipulativ. Lediglich der Sprung von der Moderne in die Post-Moderne, zum Post-Nihilismus in diesem Fall, zeigt sich im fehlenden Motiv Alevs. Reiting will sein gegenüber demütigen und quälen. Alev will nur spielen.
Allerdings, so kühl, berechnend und intelligent sowohl Alev als auch Ada sein mögen, so menschlich und pubertär erscheinen sie zuweilen. So genau Ada sieht „welcher Natur Alevs Interesse“ ist, nämlich der eines „ehrgeizigen Schachspielers an einem gut positioniertem Springer“, so wenig kann sie dagegen tun, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Auch Alev zeigt, trotz seiner körperlichen und emotionalen Impotenz, Momente der Eifersucht. Als er Ada vor dem ersten Beischlaf mit Smutek entjungfern soll und dies nur per Dildo tun kann, „schmerzte ihm etwas in der Brust, und er fühlte zum ersten Mal, dass er ein Herz besaß. Hätte es die Möglichkeit gegeben, die Sache abzublasen, wenigstens für den heutigen Abend – er hätte es sicher getan.“ So jedenfalls mutmaßt die auktoriale Erzählerin aus der Retrospektive.
Hat er aber nicht. Alles geht also seinen vorbestimmten Gang. Und wie es bei einer Autorin, die Juristin ist, beinahe zu erwarten ist, endet der Fall vor Gericht. Die Richterin, die auch die Erzählerin ist, hört auf den Spitznamen „Kalte Sophie“. Es zeigt sich: Zeh überlässt nichts dem Zufall. Sophie, als Anlehnung an das griechische Sophia, bedeutet Weisheit. Zeh lässt die Weisheit über dem Recht stehen und Sophie am Ende ein ungewöhnliches Urteil eines außergewöhnlichen, einzigartigen Falls sprechen.
Vieles an diesem Roman scheint ungewöhnlich, aber ebenso kalkuliert. Das Geschehen an sich ist in sofern nicht alleingestellt. Schon der Name Ada ist selten und besonders. Er referiert zu einem Roman Nabokovs, dem Autor des prototypischen Verführerinnen-Romans „Lolita“. Weiter sind viele Ähnlichkeiten zu Zehs Leben zu erkennen: Der Roman spielt in ihrer Geburtsstadt Bonn, die Figuren sind allesamt Musil-begeitert, wie Zeh es offensichtlich auch ist. Ada und Alev sind fast übermäßig gebildet, was man bei es Zeh auch vermuten kann. Und die Erzählerin, genau wie die Autorin, ist Juristin. Die Schule, die den Handlungsort darstellt, ist das Ernst-Bloch-Gymnasium, wo das ‘Prinzip Hoffnung’ mehr gilt, „als an jedem anderen Ort“ – die Referenz zu Blochs Hauptwerk ist ein in aller Deutlichkeit kalkulierter Bruch.
Was einerseits erschlagend ist, ist andererseits beeindruckend an diesem Roman: Die Fülle von Bezügen, die Masse an Metaphern und Sinnbildern, sowie deren stetige Wiederkehr und Neuverwendung. Man findet sich als Leser verwirrt zwischen schiefen Metaphern wie der „smaragdblauen Woche mit aufgetürmten Himmeln“, die kurz darauf von der Erzählerin des Romans aufgelöst werden, wenn von folgenlosen Irrtümern, „ähnlich jenen über die Farbe von Smaragden oder die Anzahl von Himmeln“ die Rede ist. Der Roman bezieht sich auf sich selbst und wird so gewissermaßen zu einem geschlossenen Werk, zu etwas Unnahbarem.
So sind auch Alev und Ada im Roman präsentiert. Ihre kurzen Anzeichen von Menschlichkeit fallen nur auf, weil sie sonst so emotionslos und kalt sind. Dem Leser wird es nicht einfallen, trotz einiger kluger und nachvollziehbarer Gedanken, die beiden als Identifikationsfiguren zu sehen. Die jugendlichen Charaktere mit ihrer aufgeblasenen Sprache und ihrem arroganten, elitären Bildungsgetue sind unsympathisch und kaum nachvollziehbar.
Aber genau das sollen sie auch sein. Zeh bringt Form und Inhalt gewissermaßen auf einen Nenner. Ada und Alev, das Spiel, das sie spielen, all das stellt die Betroffenen wie die Leser vor ein Rätsel. Alles wirkt so künstlich und konstruiert, wie auch die Sprache es ist. Ada und Alev sind Fremdkörper. Sie sind zu weit weg von allem, was man kennt. Was sie tun ist zu abstrakt, als das man damit hätte rechnen können. Zeh wirft in überzeugender, wenn auch gewaltig konstruierter Sprache das Problem einer pragmatischen Moral auf und stellt die Frage, wie Recht und Gesellschaft darauf reagieren. Sie zeigt, wohin Menschen driften können, die nichts mehr haben, an dem sie festhalten können, keine Religion, keine Ideologie und keine Werte. Eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung gescheitert ist und der Spieltrieb regiert. Der Spieltrieb, sagt Alev, „ist die letzte verbliebene Seinsform. Der Spieltrieb ersetzt die Religiosität, beherrscht die Börse, die Politik, die Gerichtssäle, die Pressewelt, und er ist es, der uns seit Gottes Tod mental am Leben erhält.“
Das Prinzip Hoffnung, die Utopie einer besseren Welt, scheint in einer Welt wie der hier dargestellten nicht angebracht. Die Welt, die Geisteshaltung, die Zeh hier anhand zweier Anti-Holden-Caulfields zeichnet, die zwanghaft nicht Kind sein wollen, ist grausam, aber interessant. Zeh stellt Zeitdiagnosen über eine Post-9/11-Welt, in der der Terror Einzug in den Alltag gehalten hat. Gleichzeitig ist er zur Nebensächlichkeit geworden, die es nicht einmal mehr zu begründen gilt. Was Zeh präsentiert ist zwischenzeitlich grausam, prätentiös und wenig nachvollziehbar. Aber es hat Gewicht und Relevanz, weil es nicht so weit weg ist, von dem, was tagtäglich passiert. Adas Mutter sagte einmal zu Ada, dass kein Ereignis so schlimm sei, wie die Furcht, die es vorausschicke. Das mag auch für die Utopie Zehs gelten. Man mag sich vor einer solchen Welt, einer solchen Jugend fürchten. Aber so schlimm wird es schon nicht werden. Jedenfalls hätte das Buch uns schon gut darauf vorbereitet.
Juli Zeh. Spieltrieb. btb, 2006.