Wer zu spät geht…

13. Februar 2012

Am vergangenen Wochenende haben wir Abschied von zwei tragischen Figuren nehmen müssen: Adolf Sauerland und Whitney Houston. Beiden wäre eine würdevoller Abgang möglich gewesen. Aber sie hatten ihre Chance verpasst.

Menschen neigen dazu, zu lange an Vergangenem festzuhalten, an den guten alten Zeiten, den idealisierten Erinnerungen. Bisweilen klammern sie sich krampfhaft fest an dem schon Verlorenen. Gerade Macht und Ruhm laden zu solchem Verhalten ein. Umso schlimmer wird letztlich der unweigerliche Abschied von dem Erhalten-geglaubten. Gaddafi, Ben Ali und Hussein können davon ein Lied singen, auf anders geartete aber irgendwie ähnliche Weise auch ungefähr alle Teilnehmer des Dschungelcamps. Aus Macht und Ruhm wird Würdelosigkeit. Sich rechtzeitig zurückziehen ist etwas, was nur wenigen Menschen in hohen Positionen glückt, aber allen zu empfehlen ist.

Am Wochenende haben sich zwei weitere tragische Personen ins Ensemble der Gescheiterten eingeschrieben: Whitney Houston und Adolf Sauerland. Houston hat man leblos in ihrem Hotelzimmer in Beverly Hills gefunden, wo sie den Grammys beiwohnen wollte, Sauerland hat man kaum antreffen können, dafür aber seinen Namen auf 129 000 Stimmzetteln, die seine Abwahl als Duisburgs Oberbürgermeister besiegelt haben. So plötzlich beide gescheitert sind, so lange war beider Absturz abzusehen.

Houston war der Pop- und Soulstar der 1980er und 90er. Aber seitdem ihre Songs an Massenkompatibilität verloren hatten, tauchte sie vorwiegend ihrer Ehe und ihrer Eskapaden wegen in den Schlagzeilen auf. Sie hat sich gerne betrunken und von ihrem Mann Bobby Brown verprügeln lassen und konnte das zum Schluss besser als singen. Sicher tun sich Parallelen zu den Stars unserer Zeit auf, siehe Rihanna was prügeln und Amy Winehouse was trinken angeht. Aber das allein kann den Ruhm nicht bewahren. Whitney war mit ihren 48 Jahren an sich nicht alt. Sie hätte noch lange leben können. Das macht die Sache traurig. Andererseits war sie zu alt, als dass sie jetzt noch zur Legende à la Club 27 hätte aufsteigen können. Whitney bewegte sich mehr auf David-Hasselhof-Niveau und konnte eher mitleidig belächelt als aufrichtig bewundert werden. Passend dazu wurde sie gerade angeworben in der US-Castingshow X-Factor Jurorin zu sein. Ein letztes Aufbäumen, dass den medialen Tod eher bestätigt als verhindert.

Sauerlands Absturz war weniger langwierig, wenn auch nicht weniger qualvoll und beschämend. Nach der Duisburger Love Parade 2010 bei der 21 Menschen gestorben waren, weigerte sich Sauerland, politische Verantwortung zu übernehmen und gegebenenfalls auch Konsequenzen zu tragen. Er hat eine mögliche Schuld der Stadt ausgeschlossen und diese an den Veranstalter, den McFit-Besitzer Rainer Schaller, weitergereicht, sogar ein Gutachten dazu in Auftrag gegeben und ist den Trauerveranstaltungen fern geblieben. Jetzt haben ihn 129 000 Duisburger Wahlberechtigte des Amtes enthoben. 92 000 Stimmen wären nötig gewesen. Aber Sauerland hatte nicht damit gerechnet, dass diese überhaupt  zusammenkommen würden.

Sauerland ist der einzige CDU-Mann im Bürgermeisteramt einer Stadt im Pott gewesen. Seine Wahl war damals eine Überraschung. Sein Verhalten nach der Loveparade nicht wirklich. Jedenfalls wenn man sich die Öffentlichkeitsarbeit anderer CDU/CSU-Männer in schwierigen Situationen der vergangenen Jahre anguckt. Guttenberg und Wulff agier(t)en ähnlich ungeschickt wie Sauerland. Dabei hatte Wulff nach der Love Parade in einem Interview mit der Bild am Sonntag indirekt Sauerlands Rücktritt gefordert – es gebe einen Unterschied zwischen persönlicher Schuld und politischer Verantwortung, sagte Wulff damals – und weiß diese Worte selbst in die Tat umzusetzen.

Eine Beileidsbekundung und ein schneller Rücktritt hätten Sauerlands öffentlichem Bild mehr genützt. In der Retrospektive wird er nicht gut wegkommen. Ähnlich wie Houston. Lieber ein makelloses Bild langsam verblassen lassen, als es immer wieder mit Schandflecken aufzufrischen. Denn wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

Immer dem Schnabel nach

13. Februar 2012

Vor kurzem habe ich so etwas wie einen guten Freund verloren. Jemanden, das mich über Jahre begleitet hat. Das erste Mal habe ich ihn in meiner Heimat getroffen, nahe meinem damaligen Wohnort, in Jever. Ein Bremer Skateshop mietete damals einen leerstehenden Laden um dort für zwei Wochen ein Outlet zu betreiben. Dort trafen wir uns: ich und mein Möven-Shirt. Ein weißes Cleptomanicx-Shirt, bedruckt mit einem Möwenkopf, gezeichnet, mit Zähnen. Sah komisch aus. Aber ich liebte es. Bestes!

Wahrscheinlich war es 2006 als ich das Shirt kaufte. Für 10 Euro. Jetzt, bald sechs Jahre später, ist es gerissen. Ich habe es zu oft getragen und gewaschen, vermute ich. Es ist zu dünn geworden. Es ist mit unter den Fingern weggerissen, als ich es über meinen Kopf ziehen wollte. Plötzlich war da ein Loch, wo gerade noch meine Hand ein Shirt gegriffen hatte. Das wars also. Aus Shirt wird Müll. Es heißt Abschied nehmen. Aber das Shirt ist mittlerweile mehr als ein Gebrauchsgegenstand. Es ist verknüpft mit Erinnerungen. Es ist ein Teil von mir. Was nach Nerd und völlig übertrieben klingt, ist etwas ganz normales: Dinge wachsen an der Menge und mit der Qualität der mit ihnen verknüpften Geschehnisse. So gesehen war das Shirt war mittlerweile riesig geworden.

Es ist eine natürliche Sache, Dinge mit vergangenen oder kommenden Zeiten zu verbinden, das passiert unweigerlich. Auch in der Literatur ist dies ein nahezu gewöhnliches Bild. Kunta Kinte, der Protagonist aus Alex Haleys Roots beispielsweise, bastelt sich nach seinem Einführungsritual, dass ihn zum Mann machen sollte, eine Trommel, die diese Männlichkeit symbolisieren soll. Die Trommel wird zum Symbol für kommende Zeiten, auf die Kinte voller Stolz und Vorfreude blickt, nicht ahnend, was ihm bevorsteht. Auf der anderen Seite gibt es Holden Caulfield, der Junge aus Salingers Catcher in the Rye, der versucht sich der Erwachsenenwelt zu entziehen. Holden hat sich den Baseballhandschuh seines an Leukämie verstorbenen Bruders aufbewahrt. Sein Bruder Allie hatte diesen mit Gedichten bekritzelt. Am Handschuh festzuhalten bedeutet für Holden an seiner Kindheit mit seinem Bruder festzuhalten.

Natürlich gibt es auch negative Beispiele für Besitztümer und deren Symbolik. Wenn man Chuck Palahniuks Roman und David Finchers Film Fight Club betrachtet, in dem Tyler Durden, der echte, nicht der imaginierte, seine Wohnung sprengt um seine wertlose IKEA-Einrichtung loszuwerden, zeigt sich eine andere Seite von Konsumgütern. Wertloser Müll. Dinge müssen mit Wert beladen werden, sonst bleiben sie hohl, sinn- und wertfrei. Dinge brauchen Seele.

Und: Ja, mein Shirt hatte Seele. Mein Shirt und ich teilen seelenvolle Momente. Wir sind zusammen durch Deutschland und die Welt gereist. Von Friesland nach Siegen, nach Frankfurt, nach Essen. Wir sind nach Heidelberg, Göttingen, Hamburg, Köln und Berlin gefahren, nach Lausanne und Bornholm, nach Lille und Zagreb. Wir teilen wundervolle Erinnerungen.

Aber das wichtigste an den gemeinsamen Erinnerungen, ist nicht das Außergewöhnliche. Viel wichtiger sind die gewöhnlichen, alltäglichen Momente. Die Möwe hat mich durch den teils tristen, teils spaßigen Alltag begleitet, durch Partys und Hausarbeiten, durch Ferien und Vorlesungen. Ich erinnere mich an Fresstylesessions auf WG Partys mit der Möwe und meinen Jungs von zu Hause, die mich in Siegen besuchten, ich erinnere mich an fiktive Ballspiele mit Kollegen auf ner schlechten Techno-Party zu der ich das Shirt trug. Ich erinnere mich an die Geburtstagsparty meiner damals zukünftigen Freundin an deren Ende ich mir die Nase brach – mit dem Möven-Shirt an. Die Möwe erinnert mich an all diese Momente, an all die damit verbundenen Orte und Menschen. Sie geben dem Shirt seine Seele.

Jaja, dieser Blog quillt wieder über vor weinerlicher Nostalgie. Ist doch nur ein Shirt, mag sich der Leser jetzt denken. Aber nein. Dieses Shirt ist ein Teil der Zeit, die ich mit ihm erlebt hab. Die Möwe trägt all meine Erinnerungen aus meinem Studium mit sich herum und holt sie mir ins Gedächtnis. All die Dinge, die ich erfahren habe, die Menschen, die ich kennengelernt habe, die Städte, die ich bewohnt und bereist habe, die Feste, die ich gefeiert und die Menschen, die ich verloren habe – all das steckt gewissermaßen in dieser Möwe. Die Möwe ist ein Teil dessen. Ein Repräsentant. Nicht mehr, nicht weniger. Aber ich halte daran fest. Wie Jurassic 5 – “I’m holding on to what’s golden.” – halte auch ich an den goldenen Dingen fest, den goldenen Jahren. Das Shirt mag kaputt sein, aber deswegen nicht wertlos. Das Studium mag fast vorbei sein, aber deswegen nicht vergessen. Ich bleib noch ein bißchen dabei, bevor der Traum zerplatzt so wie das Shirt zerrissen ist. Denn manche Dinge, kriegt man nicht zurück. Wie das Shirt: Es ist ausverkauft.

“Bitte scheitern sie nach dem Piepton” – von Politik, Presse und Mailboxen

10. Januar 2012

Im vergangenen Jahr gab es in den britischen Medien eine Affäre, die gewisse Parallelen zur aktuellen Wulff-Affäre aufweist. Und könnte Wulff sich einiger der Tricks bedienen, die damals angewendet worden sind, er könnte fein raus sein.

Christian Wulff steht zunehmend unter Druck. Nachdem er erst Geschäfte mit einem Unternehmer abgewickelt hatte und diese auf Nachfrage verschwiegen oder heruntergespielt hat, steht Wulff jetzt als Feind der Pressefreiheit dar, der versucht hat, die BILD von der Berichterstattung über seine Geschäfte abzuhalten. Die Medien zitieren in Teilen den Wortlaut des Wulff-Anrufs auf die Mailbox des BILD Chefredakteurs Kai Diekmann. Wulff habe von “Kriegsführung” gegen die BILD gesprochen. Den Anruf habe er übrigens geführt, während er im nahen Osten für Pressefreiheit geworben habe.

Wulff hätte vorher nicht nur den Wortlaut seiner Nachricht überdenken sollen, sondern auch, ob es schlau ist, auf eine Mailbox zu sprechen, zumal eine, die dem BILD Chef gehört. Dass ersteres eine dauerhafte Aufzeichnung des Anrufs zur Folge hat und letzteres die mediale Verarbeitung des Anrufs, hätte Wulff klar sein müssen.

Was Wulff fehlt, ist Rückendeckung aus dem britischen Boulevard. Dort gab es im vergangenen Jahr einen Mailbox-Skandal, der zum Rücktritt einer ganzen Zeitung vom Markt führte. Die News of the World (NotW) musste im vergangenen Jahr nach 168 Jahren den Betrieb einstellen. Die NotW war Teil des Medienimperiums des Australiers Rupert Murdoch. Im vergangenen Jahr kam heraus, das die Mobiltelefone und Mailboxen von Berühmtheiten, Soldaten, und solchen Leuten Nahestehenden abgehört und gehackt worden waren. Teilweise hatten Journalisten der NotW Nachrichten von Mailboxen gelöscht, wenn diese voll gewesen sind, damit neue Nachrichten draufgesprochen werden konnten. In verschiedenen Medienberichten haben diese Reporter dieses Vorgehen als prinzipiell sehr einfach dargestellt.

Für Wulff nicht einfach genug. Statt sich solcher Techniken zu bedienen – Diekmann hätte niemals böse deswegen sein können: Boulevard schießt nicht auf Boulevard – ruft Wulff nochmal an und entschuldigt sich. Man möchte meinen, lieber Herr Bundespräsident, sie seien selbst schuld. Immerhin sollte man als früherer Freund der BILD auch deren Berichterstattung kennen, ebenso wie deren Verhältnis zu Loyalität.

Sicher, der britische Abhörskandal hat zu einem Gerichtsverfahren und zum Sturz der erfolgreichsten britischen Sonntagszeitung geführt. Aber mehr als ein Sturz, aus welchen Gründen auch immer, hätte und hat der Noch-Bundespräsident nicht zu fürchten. Etwas mehr Nähe zum Boulevard hätte Wulff gut getan, entweder zur BILD oder zur NotW.

2011 – Von Tod und Auferstehung

25. Dezember 2011

Nicht erst mit dem Tod vom Johannes Heesters am gestrigen Heilig Abend hat sich der Tod über das Jahr 2011 gelegt. In all seinen Facetten hat er das Jahr geprägt – nicht nur in tragischer und trauriger Form, auch in politischer und populär-kultureller Weise.

Jopie Heesters ist nicht der einzige langzeitig geistig geschwächte, der dieses Jahr abtreten musste. Favorit in dieser Kategorie ist Guttenberg. Der Dr. A.D. hat sich lange nicht erinnern können, Fehler bei seiner Doktorarbeit begangen zu haben, die er nach langer Nachdenkphase in den Staaten nun doch als seinen größten Fehler bereut. Sein politischer Tod war nur ein vorläufiger. Totgeglaubte leben länger. Und kommen mittlerweile unerwartet und unpassend früh zurück: Erst nach Halifax, dann in die ZEIT, dann auf den Buchmarkt, nun in die EU. Und bald sicherlich wieder nach Deutschland, was Guttenberg zu einem Kandidaten für die Wahl 2013 machen würde. Ambitionen waren nie Guttenbergs Schwäche. Ziele hatte er immer und hat sie noch immer.

Ein Ziel in diesem Jahr ist auch Osama Bin Laden gewesen. Nach langen, nun beinahe beendeten Kriegen im Nahen Osten, haben die USA das Primärziel der Attacken, den sogenannten Terrorfürsten, porno-guckenderweise aus dem Bett geholt und erschossen, mitsamt diverser Mitbewohner und Wahlverwandter. Einen unbewaffneten alten Mann erschossen zu haben, ist etwas, worüber sich die Amerikaner sehr gefreut haben. Es war Anlass, die Straße zu bevölkern und die eigene offensichtliche militärische Stärke zu bejubeln. In einem Jahrzehnt, dass das letzte amerikanischer Vorherrschaft sein könnte, kann man das als letztes Röcheln und Aufbäumen verstehen. Amerika geht wohl demnächst über den Jordan – nicht zu ersten Mal – und ich könnte mir vorstellen, dass die kommende Wahl ihren nicht unerheblichen Beitrag dazu leisten wird, die Todesqualen für alle unangenehmer und langwieriger zu machen. Obama geht mit dem Zustand in vielen Fällen zumindest offen und aufrecht um. Keiner seiner potentiellen Nachfolger ist mit solcher Einsicht gesegnet. Aber sei es drum. Amerika kostet seine Agonie voll aus.

Der FDP geht es da ähnlich. Seit sie Partner der Merkel-Regierung geworden ist, versucht die FDP alles, um den eigenen Absturz zu beschleunigen. „Stark Möllemann-geprägt“, möchte man sagen, lässt es aber aus Gründen der Pietät sein. Westerwelle, jahrelang das Zugpferd der Liberalen, hat sich und die Partei mit seiner monothematischen innenpolitischen Ausrichtung (s. Steuern) und seiner Entscheidungsunfähigkeit in der Außenpolitik (s. Libyen) ins Abseits gebracht und hat nun in Prozentpunkten weniger Unterstützer als der NSU in reellen Zahlen, der glücklicherweise auch von der Bildfläche verschwunden ist. Westerwelles Schicksal bleibt kein Einzelfall für die FDP, die Rösler gerade ebenso gekonnt vor die Wand fährt, wie die Seilschaften, die ihm so viel Potential hätten ermöglichen können. Auch Rösler vermag es nicht, die geistig-politische Wende anzutreten, die Westerwelle schon vor den Steuersenkungen versprochen hatte. Lindner, der einzig rhetorisch und theoretisch versierte Kopf der FDP-Boygroup, bestehend aus Lindner, Rösler und Bahr, hat sich jedenfalls von dem Elend verabschiedet. Vermutlich wird auch das den Niedergang der FDP weiter beschleunigen. Lindner aber wird sicher wieder aus dem geistig-parteipolitischen Exil zurückkehren, quasi von den Toten auferstehen.

Amy Winehouse hat das auch schon vollbracht. Passend zur Weihnachtszeit hat man alte Tracks und unfertiges Neues zu einer neuen LP vereint, die man so gerne von einer lebenden Winehouse gehört hätte. Die gute Frau hat ein intensives, zerstörerisches Leben gelebt, was bei weitem nicht so interessant ist, wie ihre Musik. Der Alkoholtod ist trotzdem ein angemessener Abgang für eine derart selbstzerstörerische Künstlerin und verfestigt den Legendenstatus, den ihr die undisziplinierte Albernheit volltrunkener Auftritte sonst versaut hätte. Passender als Schnaps wäre aber doch der goldene Schuss gewesen.

Den goldenen Schuss hat stattdessen Muamar Al-Gaddafi bekommen. Jedenfalls hatte er seine goldene Pistole bei sich als er um sein Leben bettelte, was der BILD beides eine Zeile im Titel wert war, direkt neben dem vergrößerten Bild des demolierten Schädels des Ex-Diktators. Diverse Beschwerden beim Presserat und Artikel über den Umgang mit solchen Fotos in der seriöseren Presse werden weder den Tod der BILD noch den des Umgangs mit solchen Würdelosigkeiten herbeiführen. Aber jedenfalls Gadaffi ist weg, als einer von vielen in den vergangenen Monaten. Denn Protestwellen sind in vergangenen Jahr nicht in größerem Maße gestorben – oder sinnlos geworden. Nur in Stuttgart. Aber das passt schon.

Bushido, Bambi, Bologna

11. November 2011

Dem Berliner Rapper Bushido wurde am Donnerstag der Bambi in der Kategorie Integration verliehen. Der Burda-Verlag, der den Preis vergibt, setzt so Zeichen in Sachen Bildungsaufstieg.

Bushido ist berühmt und berüchtigt. Vor einigen Jahren ist er zum Elternschreck und Teenie-Liebling geworden. Als Aushängeschild von Aggro Berlin und später erfolgreichstem Rapper Deutschlands war er erst Schreck, dann Liebling. Seit Donnerstag ist der Rapper offiziell nicht nur Verkaufs-, sondern auch Integrationskönig. Bushido hat den kommerziellen Auftrag hinter sich gelassen und den gesellschaftlichen anscheinend schon erfüllt.

Mir als Rap-Fan ist Bushidos Name lange ein Begriff, gehört habe ich von ihm aber eigentlich nichts. Inwiefern die Kritik von Rosenstolz-Mitglied Peter Plate gerechtfertigt ist, kann ich nicht beurteilen. Plate sagte, einer, der bis vor kurze frauenfeindliche und menschenverachtende Texte geschrieben habe, dürfe so einen Preis nicht bekommen. Er bekam anscheinend Beifall, bestimmt von entsprechend fachkundigen und besser informierten Menschen als ich es bin.

Das einzige Bushido-Lied, dass ich mehrmals gehört habe, heißt „Nie ein Rapper”. Bushido sagt darin, dass er seine “Runden im Benz” drehe, und dass er “bis heute nie ein schwuler Student” gewesen sei. Man mag das eine mit dem anderen verbinden und zu dem Schluss kommen: Studenten drehen keine Runden im Benz, bleiben also wirtschaftlich erfolglos. Mag für den einen oder anderen potentiell zutreffen, verallgemeinern würde ich das nicht. Aber Bushido, als heimlicher Integrationsbeauftragter, wusste schon, was er da sagt.

Meiner undifferenzierten Meinung nach, ist Bushidos Musik von Anfang an eher auf die ungebildete, unreflektierte, proletenhafte Masse pubertierender Kleingangster ausgerichtet gewesen. Bushido, der in diesen Kreisen gerne als Vorbild gesehen wird, hat mit einer solchen Äußerung, die sicher nicht nur einmal vorkam, studieren direkt unattraktiv gemacht. Erstens mache studieren einen schwul, was dem Gangster-Image nicht gerade förderlich ist, zweitens bekomme man dadurch auch keinen Benz. Und als Homosexueller ohne Benz kriegt man keinen Respekt. Ergo: Bildung verhindert Respekt.

Was man Bushido nicht absprechen kann, ist, dass er ein ganz geschickter Businessmann ist. Mit mäßigen Skills so erfolgreich zu werden, ist schon respektabel. Er ging auch ganz geschickt vor: 1. Eltern schocken. Die Kids lieben das, lieben dann also Bushido. 2. Die gewonnenen Fans unten und dumm halten – Bildung verweigern – denn das sichert den Erfolg. In den heutigen Zeiten, in denen durch Bologna, die Verkürzung der Schulzeit und die Abschaffung der Wehrpflicht immer mehr Studierende ihr Schicksal als schwule ÖPNV-Nutzer anpeilen, können Medien und Gesellschaft froh sein, jemanden wie Bushido zu haben. Als hätte er die Misere von 2011 vorhergesehen, hat er besagtes Zitat schon 2005 veröffentlicht, als Bologna quasi grade erst begonnen hatte. Ein Businessmann hat eben einen Businessplan und der kann nicht weit genug gehen. Heute kann man sagen, Bushido hält einen Großteil seiner Fans vom Bildungssystem fern. Da er extrem viele hat, hilft Bushido, die Massen von Neu-Studierenden überschaubar zu halten. Ein Glück für die Unis, ein Glück für den ÖPNV und ein Glück für alle Branchen, die von heterosexuellen Menschen leben.

Burda hat Bushido ausgezeichnet. Integration war die Kategorie, Frauenfeindlichkeit und Menschenverachtung waren die Kritikpunkte. Dass Bushido eher Bildungsfeind und Businessfreund ist, wie, so sagt man, die Macher der Bologna-Reform auch, kam keinem in den Sinn. Bertelsmann, Burda und Bushido mögen sich da, was Businessstrategien angeht, ähnlich sein. Wie dem auch sei: Bushido hält ein Land am laufen. So sieht es aus.

Anti-Holden-Caulfield

27. Oktober 2011

Juli Zehs zweiter Roman handelt von Erpressung im Internat und erinnert damit stark an Robert Musil, nur bleiben ihre Figuren kalt und unnahbar – wie Ihre Sprache.

In „Spieltrieb“ erzählt Zeh die Geschichte von Ada, Alev und Smutek. Ada ist ein anfangs 14 Jahre altes Mädchen, dass aufgrund einer Schlägerei die Schule wechseln musste. Ein Jahr nach ihr kommt auch Alev auf die Ernst-Bloch-Schule in Bonn. Beide sind im Deutsch-Leistungskurs von Herrn Smutek. Smutek, ein gebürtiger Pole, ist ein „Jünger des Manns ohne Eigenschaften“. Ada wird als Mädchen ohne Eigenschaften charakterisiert. Und damit deutet sich das Drama schon an.

Juli Zeh, die 1974 in Bonn geboren wurde und sowohl Jura als auch Literatur studiert hat, legt mit „Spieltrieb“ nun den Nachfolger ihres expressionistischen Erstlings „Adler und Engel“ vor. Ähnlich wie ihr erster Roman wirkt auch ihr zweiter beinahe überladen mit Metaphern und Analogien. Zeh scheint im Leben und im Studium viel gelesen und gelernt zu haben, und das möchte sie dem Leser auch zeigen. Sei es über die erzählerischen Analogien oder über die Figuren.

Ada und Alev scheinen Zeh ähnlich zu sein. Sie sind mit Abstand die intelligentesten und belesensten Jugendlichen ihrer Stufe. Ada liest „wie man Stämme in ein Sägewerk schiebt. Weil sich von den dicken, harten Klötzen am längsten zehren ließ, mochte sie vor allem die Literatur des letzten Jahrhunderts“ – ebenso wie Zeh. Auch für Alev ist Lesen nicht Hobby, sondern „Obsession“. Er schlägt vor, im Leistungskurs Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu lesen und trifft damit genau Smuteks Geschmack.

Ebenfalls nach Smuteks Geschmack ist Ada, die, wenn nicht schön, so doch schlau und sportlich ist. Smutek, Deutsch- und Sportlehrer, kann nicht umher, Ada zu beobachten, wenn sie ihre Runden läuft. Nachdem sie Smuteks Frau auf Klassenfahrt vor dem ertrinken gerettet hat, zieht Smutek Ada aus, um sie nackt in das wärmende Badewasser zu legen. Als Alev davon hört, wird ihm schnell klar, dass mehr dahinter steckt als die bloße fürsorgliche und rettende Geste.

Er bereitet ein Spiel vor, bei dem Ada ihm behilflich sein soll. Sie soll Smutek verführen, während Alev die beiden beim Akt fotografiert, um Smutek mit den Bildern zu erpressen. Alev und Ada bezeichnen sich als „Enkel der Nihilisten“. Sie sagen, es gebe nicht einmal mehr etwas, an das man nicht glauben könne. Dementsprechend sei auch keine Moral vorhanden, die ihrem Experiment im Weg stehen könnte. Es scheint nicht einmal ein Grund vorhanden, aus dem sie Smutek in ihr Spiel mit hineinziehen. Alev, der selbst impotent ist, bringt sich selbst in die Position größter Omnipotenz: Er vergleicht sich mit Gott. Er sagt, er gebe Smutek die Möglichkeit, durch die drohenden Sanktionen, Entscheidungen zu treffen und Mensch zu werden, wie auch Gottes Rachegelüste dem Menschen zu eigenem Willen verholfen hätten.

Smutek fällt auf das Spiel herein. Er lässt sich von Ada verführen und von beiden erpressen. Er fühlt sich, als sei ein Spielbrett vor ihm mit lautem Knall niedergegangen, das nichts als eine Ausgangsposition zeigt und „Smutek hatte schwarz.“ Smutek, dessen Gedanken und Blicke oft genug um die kräftige Ada kreisten, muss – und kann – von da an wöchentlich vor der Kamera mit Ada schlafen. Er genießt seine Position zeitweise. Er fühlt sich mehr und mehr zu Ada hingezogen – wie auch sie sich zu ihm.

Nicht nur an diesem Punkt hat „Spieltrieb“ Ähnlichkeit mit Robert Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“. Törless verliebt sich in Basini, der eigentlich sein Opfer ist. Und auch Basini verliebt sich in Törless. Ebenso gleicht sich der Handlungsort, das Internat. Auch die Initiatoren der Folter, Alev und Reiting, ähneln sich. Beide Charaktere sind charismatisch und dominant, intrigant und manipulativ. Lediglich der Sprung von der Moderne in die Post-Moderne, zum Post-Nihilismus in diesem Fall, zeigt sich im fehlenden Motiv Alevs. Reiting will sein gegenüber demütigen und quälen. Alev will nur spielen.

Allerdings, so kühl, berechnend und intelligent sowohl Alev als auch Ada sein mögen, so menschlich und pubertär erscheinen sie zuweilen. So genau Ada sieht „welcher Natur Alevs Interesse“ ist, nämlich der eines „ehrgeizigen Schachspielers an einem gut positioniertem Springer“, so wenig kann sie dagegen tun, sich zu ihm hingezogen zu fühlen. Auch Alev zeigt, trotz seiner körperlichen und emotionalen Impotenz, Momente der Eifersucht. Als er Ada vor dem ersten Beischlaf mit Smutek entjungfern soll und dies nur per Dildo tun kann, „schmerzte ihm etwas in der Brust, und er fühlte zum ersten Mal, dass er ein Herz besaß. Hätte es die Möglichkeit gegeben, die Sache abzublasen, wenigstens für den heutigen Abend – er hätte es sicher getan.“ So jedenfalls mutmaßt die auktoriale Erzählerin aus der Retrospektive.

Hat er aber nicht. Alles geht also seinen vorbestimmten Gang. Und wie es bei einer Autorin, die Juristin ist, beinahe zu erwarten ist, endet der Fall vor Gericht. Die Richterin, die auch die Erzählerin ist, hört auf den Spitznamen „Kalte Sophie“. Es zeigt sich: Zeh überlässt nichts dem Zufall. Sophie, als Anlehnung an das griechische Sophia, bedeutet Weisheit. Zeh lässt die Weisheit über dem Recht stehen und Sophie am Ende ein ungewöhnliches Urteil eines außergewöhnlichen, einzigartigen Falls sprechen.

Vieles an diesem Roman scheint ungewöhnlich, aber ebenso kalkuliert. Das Geschehen an sich ist in sofern nicht alleingestellt. Schon der Name Ada ist selten und besonders. Er referiert zu einem Roman Nabokovs, dem Autor des prototypischen Verführerinnen-Romans „Lolita“. Weiter sind viele Ähnlichkeiten zu Zehs Leben zu erkennen: Der Roman spielt in ihrer Geburtsstadt Bonn, die Figuren sind allesamt Musil-begeitert, wie Zeh es offensichtlich auch ist. Ada und Alev sind fast übermäßig gebildet, was man bei es Zeh auch vermuten kann. Und die Erzählerin, genau wie die Autorin, ist Juristin. Die Schule, die den Handlungsort darstellt, ist das Ernst-Bloch-Gymnasium, wo das ‘Prinzip Hoffnung’ mehr gilt, „als an jedem anderen Ort“ – die Referenz zu Blochs Hauptwerk ist ein in aller Deutlichkeit kalkulierter Bruch.

Was einerseits erschlagend ist, ist andererseits beeindruckend an diesem Roman: Die Fülle von Bezügen, die Masse an Metaphern und Sinnbildern, sowie deren stetige Wiederkehr und Neuverwendung. Man findet sich als Leser verwirrt zwischen schiefen Metaphern wie der „smaragdblauen Woche mit aufgetürmten Himmeln“, die kurz darauf von der Erzählerin des Romans aufgelöst werden, wenn von folgenlosen Irrtümern, „ähnlich jenen über die Farbe von Smaragden oder die Anzahl von Himmeln“ die Rede ist. Der Roman bezieht sich auf sich selbst und wird so gewissermaßen zu einem geschlossenen Werk, zu etwas Unnahbarem.

So sind auch Alev und Ada im Roman präsentiert. Ihre kurzen Anzeichen von Menschlichkeit fallen nur auf, weil sie sonst so emotionslos und kalt sind. Dem Leser wird es nicht einfallen, trotz einiger kluger und nachvollziehbarer Gedanken, die beiden als Identifikationsfiguren zu sehen. Die jugendlichen Charaktere mit ihrer aufgeblasenen Sprache und ihrem arroganten, elitären Bildungsgetue sind unsympathisch und kaum nachvollziehbar.

Aber genau das sollen sie auch sein. Zeh bringt Form und Inhalt gewissermaßen auf einen Nenner. Ada und Alev, das Spiel, das sie spielen, all das stellt die Betroffenen wie die Leser vor ein Rätsel. Alles wirkt so künstlich und konstruiert, wie auch die Sprache es ist. Ada und Alev sind Fremdkörper. Sie sind zu weit weg von allem, was man kennt. Was sie tun ist zu abstrakt, als das man damit hätte rechnen können. Zeh wirft in überzeugender, wenn auch gewaltig konstruierter Sprache das Problem einer pragmatischen Moral auf und stellt die Frage, wie Recht und Gesellschaft darauf reagieren. Sie zeigt, wohin Menschen driften können, die nichts mehr haben, an dem sie festhalten können, keine Religion, keine Ideologie und keine Werte. Eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung gescheitert ist und der Spieltrieb regiert. Der Spieltrieb, sagt Alev, „ist die letzte verbliebene Seinsform. Der Spieltrieb ersetzt die Religiosität, beherrscht die Börse, die Politik, die Gerichtssäle, die Pressewelt, und er ist es, der uns seit Gottes Tod mental am Leben erhält.“

Das Prinzip Hoffnung, die Utopie einer besseren Welt, scheint in einer Welt wie der hier dargestellten nicht angebracht. Die Welt, die Geisteshaltung, die Zeh hier anhand zweier Anti-Holden-Caulfields zeichnet, die zwanghaft nicht Kind sein wollen, ist grausam, aber interessant. Zeh stellt Zeitdiagnosen über eine Post-9/11-Welt, in der der Terror Einzug in den Alltag gehalten hat. Gleichzeitig ist er zur Nebensächlichkeit geworden, die es nicht einmal mehr zu begründen gilt. Was Zeh präsentiert ist zwischenzeitlich grausam, prätentiös und wenig nachvollziehbar. Aber es hat Gewicht und Relevanz, weil es nicht so weit weg ist, von dem, was tagtäglich passiert. Adas Mutter sagte einmal zu Ada, dass kein Ereignis so schlimm sei, wie die Furcht, die es vorausschicke. Das mag auch für die Utopie Zehs gelten. Man mag sich vor einer solchen Welt, einer solchen Jugend fürchten. Aber so schlimm wird es schon nicht werden. Jedenfalls hätte das Buch uns schon gut darauf vorbereitet.

Juli Zeh. Spieltrieb. btb, 2006.

Social Utopia

26. September 2011

Im Allgemeinen klingt der Begriff Utopie nach etwas durchweg Positivem aber Unerreichbaren. Völlige Gleichheit aller Religionen, Geschlechter, sexuellen Orientierungen und gesellschaftlichen Klassen ist beispielsweise eine Utopie und gleicht dabei im Anspruch, alles unter einen Hut zu bringen, der berühmten Eier legenden Wollmilchsau. Alles könnte so schön sein – ist es aber nicht.

In der Literatur ist das Genre der Utopie ein eher negativ belegtes. Jedenfalls seit Beginn des 20. Jahrhunderts haben es vor allem negative Ausblicke auf die Gesellschaft geschafft, wahrgenommen zu werden und unseren heutigen Blick auf die damalige Zukunft zu prägen. Musterbeispiele für dieses Phänomen sind Orwells 1984 (1949) und Huxleys Brave New World (1932). Neuere Werke, die einen kritischen Blick auf die Entwicklung unserer gesellschaftlichen Entwicklung werfen sind etwa Juli Zehs Corpus Delicti (2009) und Michel Houellebecqs La possibilité d’une ile (Die Möglichkeit einer Insel, 2005). Das Erschreckende an all diesen Ausblicken auf unsere Gesellschaft ist die Präzision mit der beschrieben wird, was noch nicht stattfindet, aber doch beinahe so geschehen wird. Nicht umsonst ist Orwells Vision vom Big Brother heute ein geflügeltes Wort, und gerade besonders aktuell, in einer Gesellschaft, die keinen Staat mehr braucht um sich vollständig beobachten zu lassen, sondern freiwillig alle persönlichen Daten bereitstellt.

Mehr und mehr führen wir ein Leben, das schlichtweg digital abläuft. Houellebecq hat dieses Szenario in seinem Roman von 2005 gewissermaßen vorweggenommen. Houellebecq erzählt darin die Geschichte von Daniel und dessen späteren Klonen Daniel 24 und Daniel 25. In der Jetztzeit, der Zeit Daniels, schafft es eine Sekte, Menschen zu klonen, was zu der Zukunft führt, in der Daniel 24 und später 25 als Klone Daniels seine Nachfahren darstellen. Sie sind Neo-Menschen, die sich nicht mehr natürlich fortpflanzen und sich über Fotosynthese versorgen. Neo-Menschen leben einsam und weit entfernt von anderen Neo-Menschen auf abgesperrten Arealen und kommunizieren über das Internet. Ihr Leben besteht daraus, die Lebensberichte ihrer Vorfahren zu lesen und zu kommentieren und sich digital mit anderen Neo-Menschen auszutauschen: Willkommen im Social Media.

Facebook unternimmt gerade den nächsten Schritt, die Schreckensvorstellungen von Orwell und Houellebecq noch realer zu machen. Facebook hat jetzt die altbekannte Pinnwand auf Facebook-Profilen durch eine sogenannte Timeline ersetzt. Anhand von genutzten Apps und sonstigen Facebook-Aktivitäten wird das Profil der Nutzer nun so erstellt, dass alle seine Tätigkeiten auf dem Profil sichtbar sind. Je weiter man von der oben dargestellten Gegenwart in die unten liegende Vergangenheit geht, desto mehr sind die Daten dort komprimiert, wenn auch trotzdem verfügbar. Zuckerberg will damit die „Geschichte eines Lebens“ erzählen lassen, in jedem einzelnen Profil. Man kann als Nutzer sehen und sichtbar machen, welche Bücher und Zeitungen man liest, welche Filme man gesehen hat, mit wem man sich wann angefreundet hat, wo man wann gewesen ist, wann man welche Strecke gelaufen ist usw. Nichts soll mehr geheim bleiben. Zuckerberg hat schon einmal vom Ende der Privatsphäre gesprochen. Hier macht er einen kräftigen Satz in diese Richtung.

Nicht nur wird die Überwachung, die von Facebook ausgeht, noch einmal maßgeblich vorangetrieben – Big Brother is watching you – auch wird die digitale Darstellung des Menschen auf ein Level geführt, dass in weiter aus der Realität zieht. Die ständige chronologische Darstellung menschlichen Handels und die anschließende Komprimierung dessen machen das Leben scrollbar und damit leicht verständlich. Der Mensch an sich strebt nach leichter Verständlichkeit seines Lebens. Der Philosoph Paul Ricoeur hat diesbezüglich geschrieben, dass Zeit an sich nicht verstanden werden kann und nur über menschliches Erleben und die Erzählung dessen begreifbar wird. Menschen sind angewiesen auf eine gewisse literarische Darstellung ihres Lebens, denn nur aus der Erzählung wird Zeit fassbar und – im Umkehrschluss – ein Leben erzählbar.

Zuckerberg macht sich dies jetzt zu Nutze. 700 Millionen Nutzer können nun ihr Leben auf eine Gerade bringen, alle Winkel und Kurven ausmerzen und stringent erzählen. So können sie alle ihr Leben für sich und andere auf das Nötigste reduzieren und darstellen, was sie sein wollen. Menschen haben schon immer gern von sich erzählt, sich immer gerne dargestellt. Zuckerberg geht gekonnt auf menschliche Grundbedürfnisse ein. Da haben alles was davon.

Ach, wie ist das schön, wie ist das einfach – wie ist das erschreckend.

Mediale Zerstörungswut

14. August 2011

Die Ausschreitungen in London sind teilweise eine Fortsetzung der Protestwelle, die sich durch Nordafrika und weite Teile Europas zieht. Überall sind die neuen Medien ein tragender Aspekt der Proteste. Aber nirgendwo sonst stehen die alten den neuen Medien so krass entgegen wie in London.

Schon die quasi-gescheiterte grüne Revolution in Iran galt als Revolution der neuen Medien. Als Twitter- oder Facebook-Revolution. Seither sind alle Proteste größeren Ausmaßes von den Netzwerken beeinflusst und geprägt. Kein Protestversuch in den zumeist diktatorisch geführten Ländern kommt ohne die Organisation per Facebook-Gruppe oder Twitter-Accout aus. Wie auch? Das Internet ist das letzte oft einzige Medium, dass gleichzeitig einigermaßen frei ist und für große Mengen von Menschen gleichzeitig zugänglich.

Überall ist eine Generation auf der Straße, die mit dem Internet aufgewachsen ist und ihre kulturelle Sozialisation teilweise dort erlebt hat, eine Generation, die von den großen Idealen der Menschheit und des Netzes träumt: Gleichheit, Selbstverwirklichung, Meinungsfreiheit. Diese an sich demokratischen Werte sind es, die die Jugendlichen in Kairo, Tel Aviv, Athen und auch in London auf die Straßen treiben. Auf der einen Seite sind das Menschen, die diese Ziele endlich einmal erreichen möchten, die Hoffnung haben, durch Demokratie ihrer prekären Lage zu entrinnen und ein besseres Leben beginnen zu können.

Auf der anderen Seite, hier in Europa, haben wir Jugendliche, die sich ihrer versprochenen Perspektiven beraubt sehen. Die europäischen Proteste sind großteils von jungen Akademikern getragen, die trotz ihrer guten Ausbildung am Rande des Existenzminimums leben, in dauerhafter, hoher Arbeitslosigkeit. Zum Schluss haben wir aber noch die Briten. Deren Frustration ist höher als die rest-europäische. Dort sehen wir Jugendliche, die nicht einmal eine gute Ausbildung erfahren. Wir sehen abgeschobene, diskriminierte junge Menschen, frustriert von der Erfahrung, keine Perspektiven zu haben. Das demokratische Versprechen ist an ihnen letztlich komplett gescheitert. Die Hoffnung, durch Proteste einen Ausweg zu finden auch. Wohl deshalb sehen wir derzeit Bilder von jungen Männern, die ihre eigene Nachbarschaft abfackeln und sich gegenseitig ausrauben. Es gibt keinen Grund für sie, irgendetwas zu erhalten.

Auch diese hoffnungsfreien Krawalle sind getragen von den neuen Medien, die sich die Randalierer zu Eigen machen um der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Das britische Überwachungssystem CCTV – was übrigens den gleichen Namen trägt, wie das chinesische Staatsfernsehen –, die Polizei- und TV-Hubschrauber sind bei weitem nicht so schnell wie Twitter. Die Randalierer sind den alten neuen Medien immer einen Schritt voraus. Sie überwinden per 140-Zeichen-Tweet einfach so das größte staatliche Überwachungssystem auf offener Straße. Kameras braucht kein Mensch mehr, sagt uns das, wenn man per Smartphone überall online und erreichbar sein kann. Das Neue verdrängt das Alte. Ganz schnell. Ohne lange Diskussion. Technische Evolution. Elektronischer Darwinismus.

Ohne die direkte technische Überlegenheit im Praxistest abzuwarten, wurde bei der Gelegenheit auch noch ein anderes altes Medium nahezu abgeschafft. Ein Lager von Sony und anderen, kleineren Musikvertrieben von 200 qm wurde abgefackelt. Unzählige CDs wurden vernichtet. Was Sony sicherlich nicht sonderlich weh tut, wird den betroffenen Indie-Labels unter Umständen das Genick brechen. Und damit auch England ein kulturelles Standbein rauben. Gerade die Protestler respektive Randalierer berauben sich damit selbst. Viele kleine britische Labels veröffentlichen Hip Hop und Dancehall, Grime und TripHop, Dubstep und Garage und was nicht alles. Musik der Jugend. Musik der Ausgestoßenen. Musik des Protests. Diese Musik könnte jetzt nicht mehr herausgebracht werden. Das heißt, einige junge Künstler, die vielleicht durch Musik aus ihrer Lebenssituation herausgekommen wären, bleiben nun wo sie sind. Inmitten ihrer abgefackelten Nachbarschaften. Ohne Dach über dem Kopf. Ohne Plattendeal. Und, was ja viel mehr Menschen treffen wird, als der verlorene Deal, ohne neue Musik.

So gut das Neue oft scheint, so sicher kann das Alte manchmal sein. Nicht jede Neuerung muss erzwungen werden. Twitter jedenfalls wird die Platten der Zukunft nicht herausbringen. Und ohne Musik wird die Zukunft nur noch ein bißchen trostloser.

Der tiefe Fall des Justin Bieber – Eine Prognose

8. August 2011

Amerika wurde herunter gestuft. Die Ratingagentur Standard & Poor’s hat den USA die Bestnote genommen. Das Flaggschiff der internationalen Wirtschaft hat den Weg der europäischen Pleiteländer eingeschlagen und schürt die Angst vor einer fortgesetzten Wirtschaftskrise. Während also die Wirtschaft kaum zur Ruhe kommt und eher immer tiefer fällt, wird das, was mitverantwortlich gemacht wird, das Ratingsystem, kurz auf weitere Bereiche ausgeweitet. Wie die SZ am vergangenen Mittwoch, den 3. August gemeldet hat, gibt es jetzt Ratingagenturen, die den sozialen Wert der bei Facebook, Twitter und LinkIn angemeldeten Personen bemessen. Kontaktfreudigkeit wird zu einem mehr oder weniger reellen Wert.

Aufmerksamkeit ist eine Währung. Immer schon gewesen. Aber bisher konnte dies kaum bemessen werden. Wenn, dann indirekt: Schlagzeilen und Mund-zu-Mund-Propaganda haben schon immer für mehr Interesse/höhere Verkaufszahlen/mehr Airplay gesorgt: Bad News is Good News. Amy Winehouse war immer ein gutes Beispiel dafür, wie ungefähr jeder aus dem sogenannten Club 27. Aber das sei dahingestellt. Ein ähnliches Prinzip der Aufmerksamkeitsökonomie gilt für jeden öffentlichen Selbstdarsteller in unseren digitalen Zeiten. Auf Facebook, Twitter und Co. kam es noch nie auf Qualität an, sondern nur auf Aktivität an sich. Wer viel macht, wird auch viel bemerkt.

Was sich für die meisten User nur auf ihre Freunde anwenden lies, ist jetzt im Begriff eine reelle Aufmerksamkeitsökonomie zu werden. Was bisher Gold war, kann nun ein LIKE bei Facebook sein, ein neuer Follower bei Twitter: Bares Geld, sichere Reserve. Das mag komisch und utopisch klingen. Aber Facebook – ohne bisher börsennotiert zu sein – gehört zu den wertvollsten Unternehmen derzeit und lässt andere – börsennotierte und mit wirklichen Waren handelnde – Firmen weit hinter sich. Hinter jeden Klick steht tatsächlich gewissermaßen ein reeller Wert.

Facebook ist so etwas wie das digitale China. Überall gehen die Währungen zu Bruch, nur China ist oben auf. Überall lahmt die Wirtschaft, gehen Firmen pleite und Sicherheiten flöten, nur Facebook ist weiter auf dem aufsteigenden Ast (wenn auch mittlerweile erstmals eingeschränkt, munkelt man). Im Übrigen scheint der Facebook-China-Vergleich auch in Sachen Privatsphäre zuzutreffen – nur so nebenbei.

Wie dem auch sei: Jetzt werden nicht nur Facebook und andere 2.0-Unternehmen bewertet wie richtige Unternehmen, jetzt werden auch die einzelnen Nutzer bewertet. Maßstab dafür ist übrigens Justin Bieber, der bisher als einziger die Höchstmarke 100 erreicht hat.

Die USA waren in ihrer Rating-Liga auch mal Titelträger und sind abgestiegen. Als Folge eines Gesamtabstiegs der Wirtschaft und der Währungen. Mit der Folge großer Ängste und bisher kaum absehbarer Reaktionen an Börse und in der Politik. Justin Bieber ist gerade das, was die USA einmal waren, auf seinem eigenen digitalen Level. Als die Weltwirtschaft den Kurs nach unten eingeschlagen hat, mussten auch die USA zwangsläufig eines Tages nachziehen, was die Welt noch näher an den wirtschaftlichen Abgrund bringen mag. Ein Teufelskreis.

Wenn Facebook jetzt von Google+ so verdrängt werden sollte, wie MySpace von Facebook, und den Weg gen Boden antreten sollte, dann wird auch Justin Bieber abstürzen. Sein Absturz wird wiederum Facebook weiter ins Straucheln bringen. Das Prinzip bleibt das Selbe. Und anscheinend will niemand daraus lernen. Zu hoch fliegen hat immer schon zu hohe Fallhöhe mit sich gebracht. Vor und vor allem nach Ikarus. Vor und auch nach der Weltwirtschaftskrise. Welche auch immer.

Digitale Degeneration

19. Juli 2011

Die Menschheit wird zunehmend fauler. Man sieht es jeden Tag, zum Beispiel, wenn einem auffällt, wie wenig Menschen überhaupt auf der Straße sind und stattdessen lieber vor der Glotze oder dem Rechner sitzen. Das mag nicht nur als Zeichen der Faulheit gesehen worden, sondern tatsächlich auch als der Faulheit Grund. Mittlerweile ist belegt, was lange schon vermutet wurde und eigentlich immer klar war: Die Menschen werden zu faul zum Denken.

Ein Paper das im sciencemag veröffentlicht worden ist, berichtet davon, dass Menschen zunehmend das Internet als Gedächtnis nutzen und sich nur merken, wovon sie ausgehen, dass sie es nicht online finden können. Ein Prof. von mir hat das mal so ausgedrückt – und damit eigentlich einen gut gemeinten Tipp fürs Studium geben wollen: „Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo es steht.“ Was für Fachwissen und nicht leicht zu merkende Theorien gelten sollte, hat sich nun eben als Allgemeinwert herausgestellt und in die Gesellschaft gebrannt.

Für die Folgen dessen gibt es zwei Möglichkeiten. 1. erweitert der Mensch ab jetzt sein Wissensspektrum, weil er nur noch relevantes, undigitalisiertes Wissen speichert und mit sich herum trägt. D.h., das alles, was es bereits digital gibt, was zugegebenermaßen eine ganze Menge ist, nicht mehr merk-würdig sein wird und alle Menschen eine Menge neues, frisches Wissen tanken können.

Diese Version ist unfassbar optimistisch, nahezu utopisch, und wirft die Frage auf, ob Menschen dann kein neues Wissen mehr digitalisieren, damit sie es behalten oder was mit neuem Wissen geschieht, das alsbald digitalisiert wird. „Tod des Netzes“, respektive „Das Vergessen des neuen Wissens“. Also unnütz, weil nicht machbar.

Die zweite Version sieht so aus, dass der gemeine Mensch sich selbst zum Demenz-Patienten züchtet und sich darauf trainiert, möglichst viel zu vergessen. In einer Welt, in der man sein Hirn in eine Cloud auslagert, braucht es nur einen gemeinen Hacker mit seinem Finger auf dem Delete-Knopf, der alle Menschen um sich herum zu Vollidioten macht. Letzteres, muss man sagen, sind viele eh, zumal der Mensch im Allgemeinen, der sich selbst sein Hirn amputiert.

Paradox an diesem neuronalen Schlankheitswahn ist, das gleichzeitig eine starke Tendenz zur Selbstoptimierung zu erkennen ist. 1 Million Mac-Fit-Nutzer usw. Aber nicht nur im Club gewordenen Chatroom bessert man sich aus, auch digital. Auf der Seite quantifiedself.com versuchen Menschen, anhand von Zahlen ein möglichst objektives Selbstbild zu erhalten, und an diesem zu arbeiten. Alles soll ich Zahlen ausgedrückt werden, sogar die Kategorie „Mood“ und „Dreams“.

Es ist ein erstrebenswertes Ziel, mehr aus sich zu machen. Mehr Intellekt, mehr Humor, mehr Charakter. Mehr oder jedenfalls besserer Schlaf, besseres Essen, wasweißich. Aber funktioniert das in Zahlen? Kann man alles objektivieren?

Der Mensch ist ein subjektives Wesen, geprägt durch ein jeweils einzigartiges Gehirn, das durch einzigartige Erfahrungen geprägt ist. Soll heißen: der Mensch, seine Bewertungen und Auffassungen sind zutiefst subjektiv. Jedem das Seine. Jeder nach seiner Façon. Jeden macht etwas anderes glücklich. Das heißt dann natürlich auch: jeder kann sich selbst verbessern und verschlechtern, wie er lustig ist. Auch im Netz. Auch völlig objektiviert.

Sagen wir, Selbstverbesserung wäre ein Weg, dem Demenz-Schicksal aus dem Weg zu gehen, dann müssen wir schon vor jedem Aufkeimen von Hoffnung feststellen: Der Samen wurde in die faule, digitale Erde gesteckt und kann nicht erblühen. Die Blume der Hoffnung entpuppt sich als digitaler Baum der Fäulnis.

Es klingt, wie so häufig nach der gerechten Strafe der Evolution, die uns mit unfassbaren Fähigkeiten ausgestattet hat, nur damit wir sie zur Selbstzerstörung nutzen. Es ist der biblische Apfel, der vor uns liegt und den wir zu gerne ergreifen um uns selbst in die Scheiße zu reiten. Der langwierige Gang an die Spitze der Schöpfung wird seit Jahr und Tag begleitet von dem dringenden Verlangen, sich wieder im Schlamm zu suhlen, erst ohne Paradies. Bald ohne Hirn. Aber dafür mit Netz. Hurra.


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